einfach drauf los

Hab in letzter Zeit so einiges in Werkstatt und Atelier aufgeräumt. Danach war es dringend nötig, die Kabine für’s Grobe mal neu zu streichen. Die Kabine nutze ich meist, wenn ich etwas schweißen möchte. … aber auch für sonstige Drecksarbeit – so zB, um Farbe auf großen Leinwänden zu verschleudern. Dabei kriegen auch die Wände so einiges ab.

Nun dachte ich beim Streichen, dass es eigentlich schade wäre, die vielen Spritzer und Trieler restlos zu übermalen. Ich machte Feierabend und überschlief die Idee eine Nacht.

Ich überlegte, vor dem Streichen geometrische Formen abzukleben. Natascha meinte, man könne Rechtecke wie Bilderrahmen abkleben. Doch während der Arbeit verzichtete ich instinktiv auf geplante Formgebung.

… und das wurde dann so:

Advertisements

besinnungsversuch

in großen schritten
schieben wir die zeit vor uns her
eilen im mausklick
zu letzten tabus
versäumen träume
bis ins vergessen zerlegt

horizonte weichen
kein ende kein ziel

wir bauen barrikaden
vor menschliche werte
und verlieren doch alles
was das menschsein beschreibt

Weihnachtlicher Bordeaux

Als die Kinder gegangen waren, goß er sich noch ein Glas Bordeaux ein, schaltete die Lichter aus und setzte sich ins Wohnzimmer.
Im Raum leuchtete nur noch der Weihnachtsbaum, der sein wärmendes Licht in die Vergangenheit sendete – weit weg, in ein Land, das es so nicht mehr gibt, in ein Dorf, das in der Zeit unumkehrbar verloren ging.

Wie schön war doch das Fest heute wieder gewesen, ein fröhliches Beisammensein, mit Lachen und Spielen und reichlich Geschenken, die so selbstverständlich geworden waren, dass sie die alten Zeiten, mit all ihren Entbehrungen aus dem Blickfeld nahmen.

Und doch – nun, da alles ruhig war, im Halbdunkel, der Duft der erloschenen Kerzen sich heimelig durch das Haus zog, kam die Erinnerung wieder – Gedanken und Gedenken eines anderen Lebens, das für immer in diesem anderen Land hinter den Wäldern blieb.
Es war spät geworden, die Zeit war dahingerast, doch Gedanken beschreiben meist das Gewesene und selten das Kommende.

Auch wenn das Gewesene nicht immer schön war – in dieser stillen Zeit scheint doch immer das Schöne sich durchzusetzen – wärmende Gedanken, geborgen aus jenen Tiefen, die jeder nur alleine kennt.

Er dachte an Großvater, der Zeit seines Lebens nie müde wurde, für ihn da zu sein, an die Geschichten, die er erzählte, die Umarmungen und tröstenden Worte bei jeder Erfahrung, die in einem jungen Leben oft schmerzten und aussichtslos schienen. … an die Cousinen und Cousins, die inzwischen in der ganzen Welt verstreut ihre eigenen Wege gehen.
… an die weihnachtlichen Orangen, die es eben nur zu Weihnachten gab und so teuer waren, dass man sich nur ein paar davon leisten wollte, oder konnte.
Und man schälte immer nur eine und teilte sie gerecht in gleiche Teile für die ganze Familie, um sich am nächsten Tag wieder auf eine neue freuen zu können.

Zu einem jener Weihnachtsfeste kam Onkel Rudi aus Österreich, nach langer Zeit mal wieder, um die Festtage bei seiner Verwandtschaft zu verbringen.
Er war eigentlich ein entfernter Onkel, besser gesagt, ein Cousin der Großmutter.
Doch er wurde aufgenommen, als wäre er ein Teil der Familie. Das lag nicht zuletzt daran, dass sich alle sehr freuten, ihn mal wieder in ihrem Kreis zu haben. Onkel Rudi war sonst immer sehr beschäftigt, hatte in Linz einen Steinmetzbetrieb mit über zwanzig Mitarbeitern. Deswegen scherzte er auch immer, indem er meinte, er sei steinreich.
Sonst wusste man nicht viel von ihm – Österreich war so weit weg und so unerreichbar.
Was er erzählte, hörte sich an, wie aus einer anderen Welt und es faszinierte besonders die Kinder.

Nach einem Mittagessen bei Großmutter überraschte Onkel Rudi die Familie mit einer ganz besonderen und völlig anderen Frucht, die er aus Österreich mitgebracht hatte. Und er lobte sie über alles.
Natürlich teilte man wieder eine unter allen Familienmitgliedern.
Doch dieses glitschige, komisch riechende, undefinierbare Zeug schmeckte niemand.
Onkel Rudi amüsierte sich sehr – konnte es gar nicht verstehen, dass man keine Bananen mochte.
… was aber in der Familie von seinem Verhalten auch nicht verstanden wurde.

Das Glas Rotwein war längst schon leer – er wusste gar nicht, wieviel Zeit er in der Vergangenheit verbracht hatte.
… dachte aber an die vielen kistenweisen Orangen und Bananen, die er seit damals vertilgt hatte.

Doch ihr wirklicher Geschmack blieb ihm nur aus jener alten Zeit in Erinnerung.

Und er ging zu Bett – schlief lächelnd, mit den Gedanken an sein erstes Enkelchen ein.

Am ersten Sonntage im Advent

Du bist so mild,
So reich an Duldung, liebster Hort,
Und mußt so wilde Streiter haben;
Dein heilig Bild
Ragt überm stolzen Banner fort,
Und deine Zeichen will man graben
In Speer und funkensprüh’nden Schild.

Mit Spott und Hohn
Gewaffnet hat Parteienwut,
Was deinen sanften Namen träget,
Und klirrend schon
Hat in des frömmsten Lammes Blut
Den Fehdehandschuh man geleget,
Den Zepter auf die Dornenkron‘.

So bleibt es wahr,
Was wandelt durch des Volkes Mund:
Daß, wo man deinen Tempel schauet
So mild und klar,
Dicht neben den geweihten Grund
Der Teufel seine Zelle bauet,
Sich wärmt die Schlange am Altar.

Wenn Stirn an Stirn
Sich drängen mit verwirrtem Schrei
Die Kämpfer um geweihte Sache,
Wenn in dem Hirn
Mehr schwindelt von der Welt Gebräu,
Von Siegesjubel, Ehr und Rache
Mehr zähe Spinngewebe schwirr’n,

Als stark und rein
Der Treue Nothhemd weben sich
Sollt‘, von des Herzens Schlag gerötet:
Wer denkt der Pein,
Durchzuckend wie mit Messern dich,
Als für die Kreuz’ger du gebetet! –
O Herr, sind dies die Diener dein?

Wie liegt der Fluch
Doch über Alle, deren Hand
Noch rührt die Sündenmutter Erde!
Ist’s nicht genug,
Daß sich der Flüchtling wärmt am Brand
Der Hütte? Muß auf deinem Herde
Die Flamme schür’n unsel’ger Trug?

Wer um ein Gut
Der Welt die Sehnsucht sich verdarb,
Den muß der finstre Geist umfahren;
Doch was dein Blut,
Dein heilig Dulden uns erwarb,
Das sollten kniend wir bewahren
Mit starkem aber reinem Mut,

Allmächt’ger du,
In dieser Zeit, wo dringend Not,
Daß rein dein Heiligtum sich zeige,
O, laß nicht zu,
Daß Lästerung, die lauernd droht,
Verschütten darf des Hefens Neige
Und, ach, den klaren Trank dazu!

Laß alle Treu‘
Und allen standhaft echten Mut
Aufflammen immer licht und lichter!
Kein Opfer sei
Zu groß für ein unschätzbar Gut,
Und deine Scharen mögen dichter
Und dichter treten Reih an Reih.

Doch ihr Gewand
Sei weiß, und auf der Stirne wert
Soll keine Falte düster ragen;
In ihrer Hand,
Und faßt die Linke auch das Schwert,
Die Rechte soll den Ölzweig tragen,
Und aufwärts sei der Blick gewandt.

So wirst du früh
Und spät, so wirst du einst und heut‘
Als deine Streiter sie erkennen:
Voll Schweiß und Müh‘,
Demütig, standhaft, friedbereit;
So wirst du deine Scharen nennen
Und Segen strömen über sie.

Annette von Droste-Hülshoff

ein auszug

Ingo Tor

Sucht man nach einer Möglichkeit, wieder zu sich selbst zu finden, hat man den Prozess, überhaupt erkannt zu haben, dass man so Einiges nicht im Griff hat, hinter sich.
Wahrscheinlich wird man es jedoch nicht schaffen, sich da alleine „durchzulotsen“.
Sicher gibt es vielleicht diese nicht unerhebliche Schwelle, die man sich nicht traut zu überwinden, um sich Hilfe zu holen.
Doch lässt man die Schwelle hinter sich, hat man vielleicht das Glück, den passenden psychologischen Beistand zu finden. Dies ist oft nicht einfach – mag sein, dass man dafür mehrere Anläufe braucht. So, wie es in „normalen“ zwischenmenschlichen Bezieh-ungen manchmal unmöglich ist, einen gemeinsamen Faden zu finden, kann auch eine Zusammenarbeit mit dem Therapeuten eventuell nicht möglich sein. Aber, man hat immer die Möglichkeit, sich einen anderen zu suchen – auch wenn man wahrscheinlich kurzfristig nicht so leicht einen Termin kriegen wird.
Auch sollte man in Erwägung ziehen, vielleicht in eine Klinik oder in eine Tagesklinik zu gehen.
Nicht nur die Schulungen und die Therapien durch die meist wun-derbaren Mitarbeiter dieser Einrichtungen sind es, die einem das Gefühl wiederbringen, „wieder so wie früher“ zu werden.
Auch der Austausch mit den Mitpatienten kann hierfür eine wesentliche Hilfe sein.
Hat jeder doch ein Päckchen, welches er mit sich herumschleppt – diese Päckchen sind in der Klinik ein wesentliches gemeinsames Merkmal – und meist tut es gut, wenn der Eine oder Andere (oder man selbst) es öffnen kann.

Für immer wird mir Ingo Tor in Erinnerung bleiben.
Ingo hatte seinen eigenen Rhythmus. Er kam und ging wie es ihm selbst beliebte – überhaupt hatte man den Eindruck, er mache sein eigenes Ding.
Beruflich war Ingo Leiter der Versicherungsabteilung eines der größten Geldinstitute des Kreises. Er war es von Haus aus gewohnt, den Ton anzugeben, oder, die Aufmerksamkeit aller anderen Anwesenden auf sich zu lenken.
Kaum in der Tagesklinik angekommen, war er sehr laut, sprach sehr viel und ging damit den meisten anderen Patienten riesig
auf den Keks. Er machte kein Geheimnis daraus, dass er viel Geld besaß und scheinbar sehr gut situiert war.
Manchen Mitpatienten machte er Geschenke, brachte ihnen Smartphones, ein Kleid aus der Boutique – oder einfach ganze Tabletts voller köstlichster Tortenstücke aus der besten Konditorei der Stadt.
Er nahm oft die Gitarre und sang. Dabei machte er, meist Songs von Bob Dylan regelrecht zu seinen eigenen.
Er sang sie, als hätte er das gesungene gerade selbst erlebt, mit viel Gefühl – und doch immer sehr laut.
Wer damit nicht umgehen konnte, flüchtete raus auf die Dachterrasse. Nur die wenigsten blieben und hörten ihm gerne zu.
Vielleicht wäre dies unter anderen Umständen anders gewesen – es war einfach toll, was Ingo aus den Liedern machte.
Eines Tages kündigte Ingo an, er wäre die kommenden zwei Tage nicht da – er müsse ins Krankenhaus.
Der Eine oder Andere mag sich darüber gefreut haben, schließlich würde es zwei Tage lang ruhiger sein.

Am dritten Tag kam Ingo wieder.
… und er war pünktlich.
Er nahm wieder die Gitarre und sang.
Es war ein spanischer Titel – wahrscheinlich war auch hier nichts Originales vom Lied übrig.
Es war eine Freude ihm zuzuhören. Wer in solchen Momenten Berührungstränen vergießen kann, tat dies jetzt.
Nach dem Lied, war es eine Weile sehr still im Raum. Auch Ingo schwieg und er schien völlig in sich gekehrt zu sein.
… und dann sagte er mit ruhiger Stimme, dass er seinen Hautkrebs besiegt habe – dies in den letzten zwei Tagen erfahren habe.
In der Klinik hörte man ihn danach nie wieder singen – und er war sehr viel leiser geworden …
… war einer unter allen.

MICHAEL HERMANN ……………………………………………… Bitte beachten. Bei allen nicht anders gekennzeichneten Texten und Bildern liegen die Rechte bei mir. Auch bitte ich darum, JEDES Rebloggen zu unterlassen! …………. Im Allgemeinen gilt: – FREIE MEINUNGSÄUßERUNG. Jedoch, bin ich der Hausherr dieses Blogs und mache gegebenenfalls von meinem Hausherrenrecht Gebrauch.