Nach uns

Und Abends, wenn die scharfe Sichel des Mondes die Venus küsst, sitze ich in meinem Lieblingssessel am Fenster und blicke in die unendliche Weite der Nacht.
Und die Welt ist so unsagbar klein.
Und darin ist nichts, was dieser unvorstellbaren Ewigkeit trotzen könnte.
Einfach nur Friede.
Bis weit, nach unserer Zeit.

Von einem Messer

Manchmal bleibt etwas, das eine Geschichte erzählt.
Bei der Wohnungsauflösung der Eltern muss man sachlich vorgehen. Es ist etwas ganz persönliches, Dinge wegzuräumen, die man mit so unzähligen Erinnerungen verknüpft. Am Ende bleiben meist nur Fotos – obwohl man noch in jedem Schrank, einem Tischchen, einem Stuhl, die dazugehörende Person sieht.
Und dann ist der Lieferwagen mit allem weg.
Und man weiß, eine Ära fährt gerade davon. Alles weg.
Vor ein paar Tagen fand ich ein Messer wieder, von dem ich gar nicht wusste, dass es noch existierte.
Das letzte Mal sah ich es wahrscheinlich vor einigen Jahrzehnten – vielleicht in meiner Kindheit.
Es stammte aus Vaters unschönsten Zeit.
Vater wurde nach dem Krieg 1945 – noch als halbes Kind, von den Sowjets in die Ukraine, als Zwangsarbeiter verschleppt.
Er war erst 17 und musste unter widerlichsten Umständen im Bergwerk arbeiten.
Nach 5 Jahren war er einer der Wenigen, die das Unmenschliche überlebt hatten und in ihre Heimat, nach Siebenbürgen zurückkehren durften.
In meiner Kindheit habe ich vielen Erzählungen gelauscht – aber vieles davon konnte ich mir gar nicht vorstellen.
Und es gab dieses Messer.
Es war scheinbar der einzige Gegenstand, der Vater nach Hause begleitet hatte.

Die Zeit geht nicht – Gottfried Keller

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karavanserai,
wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
das nur Gestalt gewinnt,
wo ihr drin auf und nieder taucht,
bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weißes Pergament
die Zeit und jeder schreibt
mit seinem roten Blut darauf,
bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt,
du Schönheit ohne End,
auch ich schreib meinen Liebesbrief
auf dieses Pergament.

Froh bin ich, daß ich aufgeblüht
in deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb ich die Quelle nicht
und lobe deinen Glanz.

Die Pest – Nikolaus Lenau

Nun schleicht mit Zittern und mit Beben
die Freude als ein Jammerbild,
nun irrt das kecke Lüsteleben
ein rettungslos umstelltes Wild.
Verödet sind die Tisch’ und Bänke,
der Spielmann fort mit seinem Lied,
nun steht der Wirth in seiner Schenke
als in der Klaus’ ein Eremit.
In den verlassnen Kirchenhallen
kniet hier und dort ein Beter kaum,
blickt scheu, dass im Vorüberwallen
ihn niemand streife mit dem Saum.
Dort wieder schreiten Prozessionen
mit Kreuz und Fahne, flehen, schrein,
Gott wolle doch der Sünder schonen
und seine Schrecken fangen ein.
Unmutig schleichen die Gewerbe,
der Hader vor Gerichte schweigt,
wo jeder denken muss: ich sterbe
vielleicht eh sich die Sonne neigt.
Am Spiegel ziert mit eitlem Sinne
sich dort ein buhlerisches Weib;
Doch traurig hält sie plötzlich inne,
gedenkt, wie sterblich dieser Leib.
Sie will kein falsches Roth mehr nehmen
auf ihre Wangen welk und fahl;
Sie mag sich vor den Würmern schämen,
für die sie bald vielleicht das Mahl.
Wer schon den Feind will niederboren,
ihm nach mit scharfem Dolche zieht,
er hat die Lust dazu verloren,
als er die vielen Leichen sieht.
Vor diesem Lauern, dumpfen Drohen,
vor diesem angstgedrückten Gram
sind Wunsch und Leidenschaft geflohen,
des Unglücks Furien wurden zahm.
Die Ross’ am Leichenwagen werden
bei Tag und Nacht nicht ausgeschirrt;
Verzweiflung rufen die Gebärden,
die Sprachen haben sich verwirrt.
Die Liebe hat ihr Wort verloren,
denn tödlich ward ihr Hauch, ihr Kuss,
und mit dem Tod hat sich verschworen
treulos ihr sanfter Blumengruß.
Wie mit den Gaben und Geschenken
das Herz die Liebe sonst empfing,
und sich ihr süßes Angedenken
an ihre Zeichen zaubernd hing;
So heftet jetzt sich das Verderben
an Liebeszeichen leisgeheim,
am Schmucke klebt ein bittres Sterben,
am schmeichelnden Sonettenreim.
Du arme Mutter! zittre, zittre,
wenn deine Brust den Säugling stillt;
Weißt du, ob nicht der Tod, der bittre,
aus deiner Brust dem Kinde quillt?

MICHAEL HERMANN ……………………………………………… Bitte beachten. Bei allen nicht anders gekennzeichneten Texten und Bildern liegen die Rechte bei mir. Auch bitte ich darum, JEDES Rebloggen zu unterlassen! …………. Im Allgemeinen gilt: – FREIE MEINUNGSÄUßERUNG. Jedoch, bin ich der Hausherr dieses Blogs und mache gegebenenfalls von meinem Hausherrenrecht Gebrauch.