Die Zeit ging baden

Du kamst aus dem Nichts.
Zwei Milchflaschen am Brückenrand.
Zeit ging – spielend am Bach,
baden im kühlen Nass.
Freundschaft ohne Uhr.
Kindergartens verspielter Weg.
Obstwiese mit Mittagsschlaf,
Bienen im Taschentuch verpackt.
Zur Zucht? Oh – honigsüßer Traum!
Das liebliche Mädchen in Gruppe Zwei.
Am Abend Milch und Polenta.
Großvaters Bett, Rotkäppchen, Die sieben Geißlein.
Vaters Werkstatt, das eigene Beil, Hammer und Nägel.
Der Ziegenbock, der wütend mit der Herde kam.
Das rettende Tor – in das er knallte.
Die niedlichen Geißlein zum streicheln.
Der Hahn dessen Böswilligkeit
nur der Besen Einhalt gebot.
Frühlings Schneeglöckchen im Wald
– lockende Wärme zum pflücken.
Ostern mit Dotterblumen genestet.
Sommers Berge und Wälder,
Lagerfeuer, Kartoffelduft.
Der Fluss – verseucht, verboten
– sorgloser Spaß.
Wetter gab`s keines.
Gestauter Bach, gesammelter Fisch.
Tobende Gärtner – nach Durchbruch des Damms.
Herbstlich süße Trauben,
Pferdewagen, die sie in schweren Fässern fuhren.
Vernascht, versteckte Mitfahrt
– manchmal der rettende Sprung vor der Peitsche.
Winterliches Weiß,
unendliche Eisbahn des Bachs,
Schlitten am Berg.
Schneemann mit Vater – Eltern mit Zeit.
Schlachtfest. Angst vor dem Schrei,
Strohfeuer beim Sengen,
verspielte Cousins und Cousinen,
frische Leber und Wurst.
Weihnachtlicher Baum mit Kerzen,
Marzipanzucker in farbigem Gold verpackt.
Orangen – das eine Mal im Jahr!
Die Kirche – erhellt vom mächtigen Baum.
Wenn Gott – dann jetzt!
Lieder, Gedichte, Krippenspiel.
Geschenktüte, Lebkuchen herrlich verziert
und sichtbar verpackt.
Alles schon sehr lange her.
Die Zeit ging baden
– der Bach über den Fluss ins Meer.

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26 Kommentare zu “Die Zeit ging baden”

  1. Da kommen Kindheitserinnerungen auf. Mit wie wenig kann der Mensch doch glücklich sein, sich an der Natur erfreuen, dankbar für sein Dach über dem Kopf und Essen und Trinken sein. Und dann die kleinen Freuden zu den Feiertagen, die den Familien heilig waren.

    Wie bin ich froh und dankbar, vieles aus deinen wunderbaren Zeilen erlebt zu haben.

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich habe diese Zeit im Ruhrgebiet erlebt, wo an Feiertagen zwei oder drei Zuchttauben geschlachtet wurden (Taubensuppe war eine Delikatesse) oder mein Opa ein Kaninchen aus seinem Stall geopfert hat. Dazu gab es Kartoffeln und Gemüse aus dem eigenen Garten.
    Und wenn es dann auch mal Schokolade für uns Kinder gab oder ein Eis für 10 Pfennig am Eiswagen, war das der pure Luxus
    Und die Verwandtschaft kam zusammen, denn das Wort Familie wurde groß geschrieben.

    Gefällt 1 Person

    1. Irgendwie hat man die Feiertage und die Sonntage ganz anders wahrgenommen. Irgendwann hatte ich meine eigenen Tauben und Kaninchen. Was die Kinder heute nicht mehr verstehen würden – ich schlachtete sie selber.
      Ich kaufte mir Sonntags immer Bonbons. … für einen Leu. … schön in Zeitungspapiertüte. Dafür musste Ceausescu herhalten 😀

      Gefällt 2 Personen

      1. Die Feiertage waren Höhepunkte, i ch habe mich immer darauf gefreut meine nahezu gleichaltrigigen Cousinen zu sehen. meist haben wir im Schlafzimmer der Großtante Schule gespielt und zwischendurch auf den Wagen des Eismannes gewartet. Drei von uns haben sogar den Lehrberuf ergriffen 😆 .

        Ich habe mir oft auf dem Weg von der Schule nach Hause beim Fleischer für 5 Pf. frisches Sauerkraut vom Fass gekauft und bis ich zuhause war, hatte ich das aufgegessen.
        Weggeworfen wurde nichts, das vermeide ich heute noch, aus Resten kann man immer wieder etwas zaubern.
        Wenn ich dann manchmal die achtlos weggeworfenen, einma abgebissenen Brote auf dem Schulhof finde, blutet mir das Herz.

        Michael Hermann
        So ging es auch bei uns zu. Ich hatte zehn Cousins und Cousinen.
        Erwähnte ich schon mal, dass meine Tochter Denise auch Lehrerin ist?
        Ich muss zugeben, auch ich kaufe oft zu viel ein. Das muss ich irgendwie noch abstellen.

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  3. Ach ja, die Zeit ging vorbei,
    die Jahre verschwanden,
    eines nach dem andern und
    wir erinnern uns, lächeln und
    sehen wehmütig aus dem Fenster

    Bei mir war es ähnlich und doch so anders.

    Schnee lag im Winter und leise
    fielen sehr lange die Flocken.
    Ich saß mit meiner Oma am Fenster
    Wir sprachen kaum…

    Wie im Traum erinnere ich mich, lieber Michael, aber es gab auch Dinge, die nicht gut waren, die Angst erzeugten und auch an die erinnere ich mich wieder…

    Wie schön hast Du eine ganze Kindheit in Worte gefaßt.

    Lieber Gruß von Bruni

    Gefällt 2 Personen

    1. Herzlichen Dank, liebe Bruni. Bei mir stehen die „nicht so guten Dinge“ an anderer Stelle. Beide versuche ich strikt zu trennen. … nur so kann man sich auch gerne erinnern und an vielen Erinnerungen auch freuen. Ich hatte einen herzensguten Opa – er war der liebste Mensch, den ich je gekannt habe.
      Mit lieben Grüßen,
      Michael

      Gefällt 2 Personen

      1. Ja, die Großeltern und besonders die Oma bei mir.
        Wie gut, daß ich sie so lange hatte. Sie war der ruhende Pol im Haus und immer für mich da. Sie verstand mich noch, als es meiner Mutter nicht mehr gelang 🙂
        Diese Trennung in gute und schlechte Dinge ist nicht schlecht, lieber Michael, mein Kopf trennt es auch und es gelingt ganz gut.

        LG von mir

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    1. Danke, liebe Gabriele! Ich freue mich sehr, dass es so bei Dir ankommt!
      Es ist vielleicht ein bisschen ZU dicht – aber wie Du es sagst:- es ist halt dieses Feuerwerk an Erinnerungen. … und ich wollte es nicht zu arg „ausdehnen“.
      Herzlich,
      Michael

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