Mediascher Friedhof – Gestern & Heute

Des Öfteren schrieb ich selbst ab und zu Texte über oder zu meine(r) Kindheit in Kleinschelken (Siebenbürgen).

Kleinschelken liegt gut 20 Kilometer von Mediasch entfernt – hierhin pendelte ich damals zur neunten und zehnten Schulklasse.

Bereits 1976 als ich nach Deutschland zog war der Exodus der Siebenbürger Sachsen abzusehen – wollte doch jeder irgendwie weg. Nach dem Zusammenbruch des Ceausescu-Regimes 1989 öffneten sich die Grenzen …

Ingrid Fillinger besuchte gerade ihre alte Heimat Mediasch und verfasste diesen ganz besonderen Bericht über eine besondere Reise. Ich bat sie darum, ihn auch hier veröffentlichen zu dürfen.

Herzlichen Dank, liebe Ingrid,  für Dein Einverständnis!

Mediascher Friedhof – Gestern & Heute

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Erst fand ich die Antwort meines Gegenübers auf die Frage, ob er bei seinem letzten Besuch den Friedhof aufgesucht hätte, ungewöhnlich. Natürlich gibt es andere Orte, die man bei einem kurzen Rumänienurlaub aufsuchen kann. Doch wenn man schon mal in der Umgebung ist, steht der Friedhof durchaus auf meiner Liste. Allerdings kam mir nach genauerer Überlegung, die Antwort dann doch nicht mehr so abwegig vor, schließlich mußte ich mir eingestehen, daß ich lange Zeit den Friedhof ignoriert hatte.

In den Jahren vor dem Exodus reiste ich öfters zurück in die Heimatstadt, doch damals stand das Wiedersehen mit Freunden im Fokus. Möglichst alle zu besuchen, sie zu sehen, mit ihnen zu erzählen, was sie so machen, wie sie leben, sich ihre Probleme anhören und letztendlich mit ihnen zu feiern. Ich verschwendete keinen einzigen Gedanken an den Friedhof.

So fiel mir nach dem Gespräch mit meinem Bekannten auf, daß sich wohl meine Einstellung erst als Mutter geändert hat. Denn als ich das erste Mal Mediasch als junge Familie besuchte, hatte ich das Bedürfnis, meinen Kindern den Friedhof und die Gräber ihrer Urgroßeltern zu zeigen.

Ich glaube es lag daran, daß ich mich plötzlich zurückerinnerte, wie ich als kleines Mädchen meine Mutter oft auf den Friedhof begleitet habe.

Obwohl ich mich zwischen den hohen Bäumen so klein wie eine Ameise fühlte und die Treppenreihe an manchen Tagen endlos erschien, ging ich sehr gerne mit ihr mit. Immer wenn ich das schwere Eingangstor zur Seite schob, rannte ich gleich zum Regal, wo die blechernen Gießkannen standen. Die waren für einen Winzling wie mich schon im leeren Zustand nicht gerade leicht. Doch genau solch ein Blechgefäß war das Objekt meiner Begierde. Ich wollte sie mit Wasser gefüllt bis zur Grabstelle hochtragen. Also schnappte ich mir eine Kanne und rannte damit zum Wasserhahn, wo meine Mutter schon wartete, da sie das Ritual kannte und wahrscheinlich mir zu liebe stets mitspielte.

Behäbig stapften wir gemeinsam mit der halbvollen Kanne Treppe für Treppe hoch. Während die Kanne bei jedem Schritt an mein rechtes Bein schlug, quälte ich mich verbissen den passenden Rhythmus für meine kleinen Schritte zu finden. Dabei wunderte ich mich, wieso die Treppen zwar flach, aber so tief gebaut wurden. Warum hat man sich überhaupt diese Bauweise einfallen lassen? Immerhin brauchte ich mindestens noch 2-3 Gehschritte bis ich ansetzen mußte, um die nächste Treppe zu erklimmen. So blieb mir nichts anderes übrig, als hochkonzentriert und mit nach unten gebeugtem Blick Treppe für Treppe zu erobern.

Wenn meine Knöchel des Handgelenks, das den Griff der Gießkanne fest umklammerte, weiß zu werden schienen, spürte ich wie meine Mutter stillschweigend ihre Hand auflegte und ganz leicht an der Kanne hob. Schließlich sollte es so aussehen, als habe ich sie den ganzen Weg allein hochgetragen.

Während meine Mutter sich dann der Grabpflege widmete, erholte ich mich, indem ich die Blätter eines Farns, der wild gegenüber wuchs, abriss und erst auf Unregelmäßigkeiten in der Symmetrie der linken und rechten Seite überprüfte. Danach drehte ich das Blatt um und schaffte es noch rechtzeitig bis meine Mutter aufbrechen wollte, alle schwarzen Punkte der Unterseite zu zählen.

Das Ritual des Friedhofsbesuchs endete indem ich die leere Gießkanne den ganzen Weg abwärts wild hin und herschwenkte und mich wie eine Siegerin fühlte, als ich die Gießkanne zurück zu ihren Schwestern ins Regal stellte.

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Vor 2 Wochen war ich mit meinen erwachsenen Söhnen wieder auf dem Mediascher Friedhof. Mein Jüngster fand ihn ausgesprochen schön in seiner Unvollkommenheit. Umso länger ich zwischen Grabreihen schlenderte und die Atmosphäre auf mich wirken ließ, desto mehr konnte ich ihm schließlich zustimmen.

Über einen einsamen Menschen, dessen Aussehen gelitten hat, sagt man, er habe sich gehen lassen, oder man sehe ihm die Verlassenheit an.

Während ich teilweise frische, aufrechte Grashalme und saftiges Unkraut platttrat, da schon lange niemand das eine oder andere Grab aufgesucht hatte, atmete der Friedhof nichts anderes aus als pure Verlassenheit…

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Viele der Gräber wurden vor der Ausreise mit Grabplatten ausgestattet und wirkten wie stillgelegte Läden, an denen vor Jahrzehnten das eiserne Rollgitter für die Ewigkeit heruntergelassen wurde.

Andere Gräber wiederum besaßen keine Grabplatte und gestatteten einen freien Blick auf alles, was die Natur an Pflanzen, die schattige Plätze bevorzugen, zu bieten hat. Vermooste oder zugewachsene Grabsteine, an deren Inschrift die Witterung seit Jahren knabberte und den Namen die Buchstaben raubte, falls nicht die Wurzeln des Efeus den Platz für sich längst beanspruchten. Das wilde Grün gab der Verlassenheit ihren Duft. Ab und zu durchbrach das Geräusch eines Vogels die mystische Stille, so daß man wieder im Jetzt erwachte…

Es mag ja sein, daß in den Sommermonaten vereinzelte Besucher durchs Friedhofstor schreiten, doch bin ich überzeugt, daß an einigen, nicht wenigen Tagen der kalten Jahreszeit sich kaum eine Menschenseele zwischen den Grabreihen verirrt.

Letztendlich mit dieser Unvollkommenheit zu hadern, wäre äußerst unfair!

Auch ich habe mit dem Verlassen der Heimatstadt dazu beigetragen, daß der Verfall seinen Raubzug antreten konnte. Es wäre anmaßend einen Friedhof nach deutschem Maßstab zu erwarten, selbst wenn ein Teil der Ausgereisten weiterhin ihre Grabtaxe bezahlt und einen Obolus für die Friedhofspflege spendet, da die Masse einfach fehlt, die früher das Fundament bildete.

Statt über den Mediascher vor Ort zu schimpfen, sollte sich jeder fragen, wieviel hat er selber dafür getan, um den Schieber auf der Skala des Verfalls etwas auszubremsen…

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23.09.2016 © Ingrid Fillinger (FB-Gruppe „Die Mediascher“)

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4 Kommentare zu “Mediascher Friedhof – Gestern & Heute”

  1. Du siehst dich um, um dich wieder an die Umgebung dort zu gewöhnen. Es ist ruhig dort. Es passiert nichts. Und vielleicht, ist man ja auch ein wenig in Trance -wenn man dort ist. (;
    Ärgerlich! Weil,.. die Zeit, wirft dann auch alles noch ein wenig um..°[`

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