Vom Wandel der Zeit

Ich wurde in Kleinschelken geboren.
Kleinschelken liegt mitten in Siebenbürgen in einem kleinen Seitental der Großen Kokel.
Man könnte sagen, in Kleinschelken hörte die Welt auf – es gab keine Durchfahrtstrasse. Ein Bach floss durch das drei Kilometer lange Dorf. Mittendrin mündete ein weiterer Bach in den Bach und damit ein weiteres Seitental in das Seitental.

Das Seitental bewohnten Sachsen und das Seitental vom Seitental Rumänen.
Wer die Täler zuerst besiedelte, steht nicht fest. In der Kirchturmspitze der rumänischen Kirche soll eine Urkunde gefunden worden sein, aus der hervorgeht, dass die Kirche von den Sachsen gebaut wurde.
Meine persönliche Empfindung war stets die, dass es mit den Rumänen immer ein Nebeneinander und nie ein Miteinander gab.
Die Sachsen waren – ich weiß nicht wie lange schon – evangelisch. Nach dem Krieg wurden die Rumänen von den Kommunisten gezwungen, vom katholischen zum orthodoxen Glauben zu konvertieren.
Unsere Großeltern konnten kaum rumänisch. Andererseits gab es viele alte Rumänen, die perfekt sächsisch reden konnten. Das kam wahrscheinlich daher, dass der Grund und Boden der Kleinschelken umgab, bis zum Krieg fast aus- schließlich den Sachsen gehörte. Die Sachsen beschäftigten Rumänen und waren ihre Dienstherren.

Aufgrund der besonderen Lage und Anordnung der Besiedlung des Dorfes und strikter Trennung der rumänischen von der sächsischen Bevölkerung, spielten wir sächsischen Kinder nie mit rumänischen.
Es gab keine Mischehen. … wenn ausnahmsweise doch, blieb den Paaren nur das Ausweichen in die anonymen Städte.

Die Siebenbürger Sachsen hatten eine über 800 Jahre alte Kultur. Auch waren sie wahrscheinlich die „Erfinder“ der Wehrkirchen. Diese imposanten Kirchen waren durch Ringmauern geschützt. Bei Angriffen auf das Dorf zog sich die Bevölkerung hierher zurück – man konnte sich darin verteidigen.
Innerhalb der Gemäuer gab es Speckkammern und sonstige Lagerräume – einer Belagerung konnte man sehr lange standhalten.
Die kleinschelker Kirchenburg, schon vor über 700 Jahren unter ähnlichem Namen urkundlich erwähnt, war schon immer sächsisch.

Die sächsische Kirche unterhielt eine Schule und es bestand von jeher Schulpflicht. Später wurde auch eine rumänische Schule gebaut.
Seit dem Krieg ist die sächsische Schule verstaatlicht, die rumänischen Kinder kamen in die Schule der Sachsen – allerdings in ein getrenntes Gebäude, in dem ausschließlich in rumänischer Sprache unterrichtet wurde. Wir Sachsen lernten lediglich ein paar Stunden pro Woche Rumänisch – konnten es aber als Kinder nie richtig, da wir es praktisch nie anwendeten.

Was sich nach dem Krieg sehr stark verändert hatte, war das Wirtschaftsleben. Grund und Boden wurden verstaatlicht, man gründete Landwirtschaftliche
Produktionsgenossenschaften.
Sachsen und Rumänen wurden zu Beschäftigten des Staates.

Ich wuchs in einem „Drei-Generationen-Haus“ auf.
Großvater fuhr einen Pferdewagen für die LPG. Großmutter war wegen Krankheit nie angestellt.
Vater war Brigadier in der Landwirtschaft, ging aber später in die Stadt zur Fabrik. Nebenbei betrieb er eine kleine Küferei – Kleinschelken war ein Weindorf – und er machte Eichenfässer für Wein.
Mutter arbeitete in der LPG.
Wir waren Selbstversorger, d.h. sämtliche Lebensmittel wurden selbst erzeugt, da man kaum Geld hatte um welche zu kaufen.
So hatte Großvater eine Kuh und meine Eltern eine Kuh. Die Kälber wurden immer verkauft, um an ein wenig Geld zu kommen.
Mit Milch zog man uns Kinder groß. Mindestens einmal gab es davon täglich. Man machte Butter oder Rahm. Der Rest wurde, Kartoffeln beigemischt, an die Schweine verfüttert.
Kartoffeln hatte man von einer kleinen Parzelle, deren Bewirtschaftung einem der Staat nach der Enteignung noch erlaubte. Sie waren das Hauptnahrungsmittel der Menschen.
Dazu mästete man ein oder zwei Schweine im Jahr – auf bis zu 200 Kilo.
Gegen Weihnachten wurde geschlachtet.
Dabei halfen Tanten und Onkels.
Abends wenn das Schwein zerlegt, die Wust fertig, die Speckhälften in Salz eingelegt waren, gab es ein Fest. Cousins und Cousinen kamen – hierüber freuten wir uns schon das ganze Jahr.
Am nächsten Tag wurde der große Gewölbebackofen geheizt, eine Wochenration von sieben Broten gebacken und anschließend das ganze Fleisch und die Wurst „eingebraten“. Hierfür schob man alles in großen Blechen in den Backofen, legte es anschließend in Fünf- oder Zehnlitertonnen und übergoss es mit dem heraus gebratenen Fett, welches das Fleisch konservierte. So hatte man das ganze Jahr über Fleisch – auch wenn man sich den Verzehr gut einteilen musste.

Fleisch galt für uns Kinder fast als Genussmittel.
Ab der fünften Klasse durften wir Kinder in den Sommerferien in der Landwirtschaft arbeiten. Von meinem ersten Geld, das ich verdiente, kaufte ich mir zwei Kaninchen. … zur Zucht – männlich und weiblich.
Zu Bestzeiten hatte ich bis zu fünfzig Kaninchen.
Dafür sammelte ich nach der Schule in großen Säcken Blätter und Gräser. Akazienblätter fraßen sie am liebsten. Im Spätsommer und Herbst ging ich auch auf die Rübenfelder der Staatswirtschaft und pflückte immer zwei bis drei Blätter pro Rübe ab. Es hieß, das würde nicht schaden, sei sogar gut.
Nun der Wächter durfte mich dabei nicht erwischen, er hätte wahrscheinlich Angst um die Rüben selbst gehabt.

Irgendwann fand ich Gefallen an der Küferei des Vaters, wo ich dann fast die ganze Freizeit verbrachte. Vater zeigte mir alles und ich hatte großen Spaß daran, ihm zu helfen. Oft hatte ich schwielige und blutende Hände – es war Handarbeit und das, in besonders hartem Eichenholz. Aber ich war stolz auf meine Hände.
Mit zwölf oder dreizehn Jahren machte ich die ersten Weinfässer alleine.

Als Vater während meines fünfzehnten Lebensjahres auf Verwandtenbesuch nach Deutschland fuhr und nicht wiederkam, arbeitete ich seine Aufträge ab und half nachher meinem Onkel Peter, der die Küferei hauptberuflich betrieb.

In dieser Zeit schwänzte ich wochenlang die Schule. Zur neunten und zehnten Klasse mussten wir täglich in das fünfundzwanzig Kilometer entfernte Mediasch fahren. Der Unterricht war hauptsächlich in rumänischer Sprache.
Es war sowieso eine Frage der Zeit, bis die rumänische Regierung uns (Mutter, Schwester und mich) im Sinne einer Familienzusammenführung nach Deutschland zu meinem Vater ausreisen lassen musste. So sah ich keine Verwendung für eine rumänische Bildung mehr.
Es dauerte aber doch noch unvorhergesehene dreiundzwanzig Monate bis zur Ausreise. Ich machte die zehnte Klasse fertig und bestand auch noch.

In Deutschland hätte ich am liebsten an der Küferei weiter gearbeitet, bzw. in diesem Bereich eine Lehre gemacht. Aber es war die Zeit der Kunststofffässer – man riet mir davon ab.
Auch meinen Wunsch Steinmetz zu werden, redete man mir aus.

So wurde ich Kfz-Mechaniker. Es war nicht mein Traumziel, aber ich bin froh, meinen weiteren Weg so gegangen zu sein.
Diesen technischen Beruf gelernt zu haben, war Voraussetzung für die Ausübung meiner jetzigen Tätigkeit, die ich nun schon seit über 35 Jahren sehr gerne mache.
Beim Fertigen von Großventilatoren habe ich viel hinzugelernt. Meiner Firma bin ich sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte mit Eisen und Stahl in seiner ganzen Vielfalt und mit allen Möglichkeiten umzugehen, oder damit umgehen zu lernen.

Irgendwann ging ich zu einer Ausstellung von Hannelore Maurer und ihren Künstlerkollegen.

Es war, als würde man irgendwo einen Schalter umlegen.
Zum ersten Mal konnte ich mit Künstlerinnen und Künstlern über ihre Arbeiten reden. Ich war fasziniert von den Bildern, Objekten und Skulpturen – überhaupt von den Ideen.
Aber was mich bewegte, war die Idee es selbst (mit Eisen) zu versuchen.
Nun blickte ich oft durch Skulpturen in die Welt. Themen hierfür liegen auf der Straße und betteln darum aufgenommen zu werden.

Advertisements

15 Kommentare zu “Vom Wandel der Zeit”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s