Waldi

Er war noch klein – so klein, dass ich ihn erst eine Weile mit Milch füttern musste.
Ich war selbst 7 oder 8 und dieses Hündchen war das erste Lebewesen, für das ich alleine die Verantwortung übernahm.
Süß war er, hatte ein rötlich- beiges Fell und war noch so richtig tapsig und tollpatschig.
Und ich zog ihn groß (na ja – er war eher ein kleiner Hund) und brachte ihm Kunststückchen bei.
… wetteiferte dabei mit dem Nachbarjungen, der auch einen etwas größeren Mischlingshund hatte.
Waldi konnte über Balken laufen, durch Ringe springen, durch Rohre krabbeln …
Ich war richtig stolz auf ihn und wir wurden sehr gute Freunde.

Im Gegensatz zu den meisten Hofhunden in Kleinschelken, hielt ich Waldi nicht an der Kette, das wäre nichts für dieses liebe Tierchen gewesen.

Er bekam auch später immer ein Tellerchen mit Milch, meist mit eingeweichtem getrocknetem Brot. … ansonsten Essensreste und Knochen aller Art. Er war überhaupt nicht wählerisch – oder anders gesagt: – es gab sonst nichts.

Doch eines Tages ertappte ihn Mutter dabei, dass er sich über ein Hühnernest hermachte und gerade ein Ei fraß.
Diese Nester waren in die Wände der Scheune eingelassen und eigentlich einen Meter hoch. Aber irgendwie müssen Waldi diese Löcher neugierig gemacht haben.

Am Abend war die Familie in Krisenstimmung.
Man war arm und auf die paar Eier angewiesen.
Ich kann nicht mehr nachvollziehen, ob man zu einer Lösung des Problems gekommen war. Aber, vielleicht konnte ich das auch gar nicht – war noch zu jung …

Als ich am nächsten Tag aufstand, war Waldi nicht mehr da. Ich rief ihn und suchte ihn, fragte Mutter, meine Großeltern, meine Schwester … Waldi blieb weg.

Vater war schon außer Haus.
Als er Abends heimkam fragte ich ihn.

… und erfuhr, dass ein Fuchs Waldi gefressen hatte.

Ada Christen

Ada Christen. Foto., © Ch. Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

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Zu spät

Uns’re Schiffe willst Du lenken
nun nach einem gleichen Ziel?!
Fern Dir, losgerissen treib‘ ich,
längst der wilden Stürme Spiel.
Fürchte Du das böse Zischen,
kalte Grollen, fürcht‘ das Meer,
lass‘ mich ringen mit den Wogen,
einsam, haltlos, ohne Wehr!
Bleibe still und unbekümmert
ferne mir und nah‘ dem Strand,
bald entsinket ja das Ruder
meiner kraftlos müden Hand –
Oder – stürze muthig nach mir,
wenn mein Fahrzeug untergeht –
Sterben können wir zusammen,
doch zum Leben ist’s zu spät!

Allein

Einsam stand ich auf den Bergen,
wo der Falke kreischend flog,
über schneebedecktem Gipfel
seine stillen Kreise zog.

Einsam lag ich auf der Haide
wenn die Sonne untersank,
und der dürre glüh’nde Boden
gierig feuchte Nebel trank.

Einsam saß ich oft am Meere,
dessen alter Klaggesang
bald wild-zornig, bald süß-traurig,
bald wie dumpfes Schluchzen klang.

Einsam irrt ich durch die Wälder,
nur die Eul‘ am Felsenriff
war mein krächzender Gefährte
und der Wind, der wimmernd pfiff.

Einsam litt ich – aber tröstend
war die hehre Einsamkeit –
nicht allein trug ich mein Elend,
die Natur verstand mein Leid!

Doch allein – so ganz alleine –
abgrundtief von Euch entfernt,
fand ich mich in Euren Sälen –
als ich Euch versteh’n gelernt.

Rückkehr

Zuckt nicht die Achseln, grüßt nicht höhnisch
und wendet euch nicht spöttisch ab!
Ich will kein Geld von euch entlehnen,
will nicht zurück, was ich euch gab.

Nicht euern Liebsten mehr gefährlich
bin ich und nimmer eurem Ruhm;
der Kummer nahm mir meine Schönheit
und all mein Unglück macht mich dumm.

Ich komm‘ zu euch, weil fortgetrieben
vom sichern Strand mein Lebensschiff;
ganz soll es scheitern, darum lenk‘ ich’s
zurück zu euch -: ihr seid das Riff!

Menschen

Als ich, mit der Welt zerfallen,
schweigend ging umher,
da fragten die lieben Menschen:
was quälet dich so sehr?

Ich sagte ihnen die Wahrheit;
sie haben sich fortgedrückt
und hinter meinem Rücken
erklärt, ich sei verrückt.