Gottfried Keller

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Die Zeit geht nicht

 

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,

wir ziehen durch sie hin;
sie ist ein Karavanserai,
wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
das nur Gestalt gewinnt,
wo ihr drin auf und nieder taucht,
bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
im Strahl des Sonnenlichts;
ein Tag kann eine Perle sein
und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weißes Pergament
die Zeit und jeder schreibt
mit seinem roten Blut darauf,
bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt,
du Schönheit ohne End,
auch ich schreib meinen Liebesbrief
auf dieses Pergament.

Froh bin ich, daß ich aufgeblüht
in deinem runden Kranz;
zum Dank trüb ich die Quelle nicht
und lobe deinen Glanz.

Frühlingsglaube

 

Es wandert eine schöne Sage
wie Veilchenduft auf Erden um,
wie sehnend eine Liebesklage
geht sie bei Tag und Nacht herum.

Das ist das Lied vom Völkerfrieden
und von der Menschheit letztem Glück,
von goldner Zeit, die einst hienieden,
der Traum als Wahrheit, kehrt zurück.

Wo einig alle Völker beten
zum einen König, Gott und Hirt:
von jenem Tag, wo den Propheten
ihr leuchtend Recht gesprochen wird.

Dann wird’s nur eine Schmach noch geben,
nur eine Sünde in der Welt:
des EigenNeides Widerstreben,
der es für Traum und Wahnsinn hält.

Wer jene Hoffnung gab verloren
und böslich sie verloren gab,
der wäre besser ungeboren:
denn lebend wohnt er schon im Grab.

In der Trauer

 

Ein Meister bin ich worden
zu weben Gram und Leid;
ich webe Tag und Nächte
am schweren Trauerkleid.

Ich schlepp‘ es auf der Straße
mühselig und bestaubt;
ich trag von spitzen Dornen
ein Kränzlein auf dem Haupt.

Die Sonne steht am Himmel,
sie sieht es und sie lacht:
was geht da für ein Zwerglein
in einer Königstracht?

Ich lege Kron‘ und Mantel
beschämt am Wege hin
und muß nun ohne Trauer
und ohne Freuden ziehn!

Morgen

 

So oft die Sonne aufersteht,
erneuert sich mein Hoffen
und bleibet, bis sie untergeht,
wie eine Blume offen;
dann schlummert es ermattet
im dunklen Schatten ein,
doch eilig wacht es wieder auf
mit ihrem ersten Schein.

Das ist die Kraft, die nimmer stirbt
und immer wieder streitet,
das gute Blut, das nie verdirbt,
geheimnisvoll verbreitet!
Solang noch Morgenwinde
voran der Sonne wehn,
wird nie der Freiheit Fechterschar
in Nacht und Schlaf vergehn!

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