Vom Wandel der Zeit – III

Vielleicht habe ich nicht oft einen Grund dafür, mich oder mein Leben zu feiern. Und wenn ich es manchmal tue, bin ich der festen Überzeugung auf das Erreichte ruhig auch mal stolz sein zu dürfen.
Auch hebt sich vielleicht ein Feiermoment, materiell gesehen, heute nicht mehr wesentlich vom üblichen Alltag ab – hat man doch eigentlich immer und alles, was man braucht.
Dies zu schätzen – blickt man in die Welt da draußen – kann oft eine Gratwanderung sein.

Wohlstand ist eben nicht immer und überall selbstverständlich.
… und so manche Erinnerung kratzt tiefe Furchen ins Bewusstsein und die Wahrnehmung oder den Umgang mit der neuen Zeit.

In meiner Kindheit hatte ich zum Anziehen dreierlei Klamotten. … und dies jeweils nur in einer Ausführung.
Sonntagskleidung zog man natürlich nur sonntags oder zu Feierlichkeiten an.
Wenn diese in die Jahre kam, wurde sie zu Alltagskleidung – und danach wiederum zu Arbeitskleidung.
… und getragen, bis kein Flicken mehr auf dem anderen hielt.

Sonntagskleidung wurde nur zu bestimmten Anlässen – und nur, wenn unbedingt nötig gekauft, oder was damals billiger war – man ließ sie vom örtlichen Schneider anfertigen.

Einer dieser Anlässe war die Konfirmation.

Man wurde während der achten Klasse konfirmiert und galt ab diesem Tag schon fast als erwachsen – durfte nun auch mal in die Nacht hinein feiern, dabei sogar Alkohol trinken.

Zur Konfirmation erlaubten mir meine Eltern, eine Hose anfertigen zu lassen.
… natürlich meine erste „Trapezhose“ – über die Breite des „Schlages“ musste ich mich vorher mit ihnen unterhalten.
Doch freute ich mich sehr über diese Hose – konnte ich doch das erste Mal meine Wünsche und Vorstellungen dazu äußern
.
Aber der Gedanke frei darüber verfügen zu dürfen, sollte sich als Irrtum erweisen.
… dies als die achte Klasse zu Ende ging.

Da in Siebenbürgen bis zur Achten alle Kinder zur örtlichen Gemeinschaftsschule gingen, entschied man erst danach, in welche weiterführende Schule man nun gehen sollte.

Doch wie überall, stand zu diesem Anlass nun erst mal eine Abschlussfeier an.
Wir durften hierfür einen Gemeindesaal nutzen, den wir schmückten.
Natürlich trugen wir Essen und Getränke und Musik zusammen und freuten uns sehr auf diese Feier.

Nachdem alles vorbereitet war, gingen wir nach Hause, um uns umzuziehen und etwas herzurichten.

Ich badete – was zu dieser Zeit mit ziemlich viel Arbeit verbunden war.
Da kein fließendes Leitungswasser vorhanden war, schöpfte ich das Wasser mit Eimern aus dem Grundwasserbrunnen, machte es auf dem Gasherd warm und goss es dann in die verzinkte, alte Badewanne.
Diese Prozedur gönnte man sich nur einmal in der Woche – Gas war nicht gerade billig.

Fertig mit baden, richtete ich meine Feierkleidung her – und natürlich sollte die neue Hose dazugehören.

Noch hatte ich diesbezüglich mein Vorhaben meinen Eltern nicht mitgeteilt – ich ging davon aus, dass dies selbstverständlich sein sollte.

Mutter kam dazu, als die Hose noch auf dem Bett ausgebreitet lag. … und sagte mir, dass ich diese nicht anziehen dürfe – sie sei noch zu gut und zu neu, ich müsse sie schonen, es dürfe ihr nichts passieren.

Ich widersprach ihr – zumal als Alternative nur eine Hose in Frage kam, die schon am Knie „gestopft“ war – und dies ziemlich offensichtlich.
Mein Bitten half nichts.
Darauf teilte ich Mutter mit, dass ich dann lieber nicht zur Feier gehen mochte.

Da wir mit dem Streit nicht weiter kamen, ging Mutter aus dem Haus und holte Vater aus der Werkstatt.
Der kam gleich mit einem langen, breiten Holzspan und fragte mich, ob ich wirklich zu Hause bleiben mochte.

Ich erklärte und begründete ihm nochmal die Situation und bejahte seine Frage.

Vater redete nicht viel und schlug mir mit dem Eichenspan in voller Wut auf die nackten Beine.
… ich weiß nicht mehr wie oft und wie lange.
Es tat höllisch weh und kurz darauf waren meine Beine übersät mit blutunterlaufenen und geschwollenen Striemen.

… und Vater befahl mir, die gestopfte Hose anzuziehen und feiern zu gehen.

… und ich ging feiern.

Advertisements

9 Kommentare zu “Vom Wandel der Zeit – III”

  1. Was für eine grausame Behandlung das war!

    Da fallen mir gleich die Rohrstöcke im Schuldienst ein.
    Aber vielen Kindern geht es heute noch schlechter und das in einer Wohlstandsgesellschaft, in der man die Kleidung nicht „aufsparen“ muss.
    Ich kann mich auch gut an mein Erstkommunionkleid, weiße Kniestrümpfe und Lackschühchen erinnern, weiß aber nicht, ob ich das je noch mal tragen durfte oder konnte.

    Danke für deine Offenheit, lieber Michael und alles Liebe,
    Anna-Lena

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s