Mihai Eminescu – Luceafarul

übersetzt von Mite Kremnitz (1852-1916)

Der Abendstern

Es war einmal, was Märchen melden,
es war, was nie gewesen:
vom Stamme kaiserlicher Helden
ein Mädchen auserlesen.

Der Eltern einzig‘ Kind sie war
und herrlich, wie die hehre
Maria in der Heil’gen Schaar,
der Mond im Sternenmeere.

Sie schritt hervor aus hohem Bogen,
wo dunkle Schatten harrten,
zum Erker ward sie hingezogen,
des Abendsterns zu warten;

Und schaut, wie an dem Meergestade
er aufgeht, schimmernd gleitet,
und auf bewegtem Wellenpfade
die schwarzen Schiffe leitet.

Sie sieht ihn heut und morgen wieder,
so wächst ihr Wunsch und Wähnen;
Seit Wochen schaut er auf sie nieder
mit ungestilltem Sehnen,

Wie sie, gestützt auf ihre Hand
die schwermuthsvolle Braue,
nach ihm der Sehnsucht Leid empfand
und träumend schaut in’s Blaue.

Allabendlich hat er entsandt
sein Licht so hell an keinen,
wie an dies Schloß am Meeresstrand,
wo sie ihm sollt‘ erscheinen.

Auf ihren Spuren Schritt für Schritt,
so gleitet er in’s Zimmer,
sein kalter Strahl webt, wo er glitt,
ein Netz aus lauter Flimmer.

Wenn sie, die Hände auf der Brust,
der Ruhe nun will pflegen,
schließt er das Aug‘ ihr unbewußt,
küßt ihre Hand verwegen.

Und durch die Spiegel gießt sein Licht
auf die Gestalt sich nieder,
bewacht ihr schlafendes Gesicht,
das Zucken ihrer Lider.

Sie lächelt ihn im Schlafe an,
er zittert leis im Spiegel;
er folgt ihr bis in Traumesbann
und löst der Seele Siegel.

Sie spricht zu ihm aus tiefster Ruh‘
und seufzt, als wenn sie weine:
„Gebieter meiner Nächte, du,
erscheine, ach, erscheine!

O gleit‘ herab, mein Abendstern,
auf deines Strahls Gewebe,
ich öffne Haus und Herz dir gern,
erleucht‘ mich, daß ich lebe!“

Er horchte zitternd auf ihr Wort,
dann warf er sich herunter,
er, der geglänzt am Himmel dort,
im Meere taucht‘ er unter!

Im Wasser, wo er sich verlor,
sich weite Kreise bilden –
dann steigt ein junger Held empor
aus jenseit’gen Gefilden.

Leicht, wie zur Schwelle tritt der Knab‘
durch ihres Fensters Bogen,
hält in der Rechten einen Stab,
mit grünem Schilf umzogen.

Er scheint ein junges Fürstenkind.
das Haar von Gold, das weiche;
geknüpft um seine Schultern sind
Gewänder, faltenreiche.

Durchsichtig ist die Wange sein
und weiß, wie eines Todten,
die Augen nur mit lohem Schein
sind seines Lebens Boten.

„Um deinem Ruf zu folgen, Maid,
ließ ich der Sphären Helle;
mein Vater ist der Himmel weit,
die Mutter mein die Welle.

Um dir zu schau’n in’s Angesicht,
damit ich dir mich nähere,
erlosch ich dort als Himmelslicht,
erstand ich aus dem Meere.

So komm nun, du mein Kleinod schön,
verlasse deine Welten.
ich bin der Abendstern der Höh’n,
du sollst als Braut mir gelten.

Aus Perlen sei dein Schloß gebaut,
dort, wo nie Zeiten schwinden,
des Oceans Welt, mir angetraut,
will ich an dein Wort binden.“

„Ja, Ihr seid schön, wie nur im Traum
die Engel, wenn wir beten,
doch Euren Weg auf Wellenschaum
werd‘ niemals ich betreten!

Euer Wort, die Tracht befremdet mich,
ihr leuchtet ohne Leben,
denn Ihr seid todt, lebendig ich,
euer eis’ger Blick macht beben.“

Ein Tag verging, der Tage drei,
da zog im Traume wieder
der Abendstern an ihr vorbei
und grüßte strahlend nieder.

Sie schien im Schlaf, wie einmal schon,
voll Sehnsucht sein zu denken,
und wollte, daß der Himmelssohn
sich möchte niedersenken.

„O gleit‘ herab, mein Abendstern,
auf deines Strahls Gewebe,
ich öffne Haus und Herz dir gern,
erleucht‘ mich, daß ich lebe.“

Er horcht von oben auf ihr Wort
mit schmerzerfülltem Beben,
dann rollt sich laut der Himmel fort,
wo er geglänzt noch eben.

Die Luft trägt ob der Welt die Gluth
von züngelnd rothen Flammen,
und aus des Chaos wilder Fluth
fügt sich ein Bild zusammen:

Ein Knab‘ im schwarzen Rabenhaar,
auf dem die Krone lohte,
gebadet in der Sonne war
der nah’nde Sternenbote.

Aus der Gewänder tiefer Trauer
erstehn die Marmorarme,
er naht wie bang vor Ahnungsschauer,
das Antlitz bleich im Harme.

Doch große Augen leuchten ihr
entgegen mit Gefunkel,
wie aller Leidenschaften Gier,
so voll von grausem Dunkel.

„Ich folgt‘ aus hohem Himmelsland
von Neuem deinem Rufe.
Mein Vater ist der Sonnenbrand,
die Nacht ich Mutter rufe.

O komm nun, du mein Kleinod schön,
verlasse deine Welten.
ich bin der Abendstern der Höh’n,
du sollst als Braut mir gelten.

O komm, laß mich dein blondes Haar
mit Sternen ganz bekränzen,
du sollst an meinem Himmel klar
als schönster Stern erglänzen.“

„Ja, Ihr seid schön, wie nur im Traum
ein Dämon sich kann zeigen,
doch Euren Weg am Wolkensaum,
den werd‘ ich nie ersteigen.

Euer grausam Lieben, es zersprengt
mir meines Herzens Bänder,
und Euer heißer Blick versengt
mir meiner Augen Ränder.“

„Warum nur wollt’st du, daß herab
zu dir ich sollte gleiten?
Du weißt ja, deiner harrt das Grab,
doch ich leb‘ ohne Zeiten!“

„Ich suche meine Worte nicht,
weiß kaum, was Ihr mir saget;
euer Mund, wenn er verständlich spricht,
mich doch nur Räthsel fraget.“

„Doch wenn Ihr wollt mit treuem Schwur
euch mir zu eigen geben,
so steigt auf diese Erde nur
und sterbt nach kurzem Leben!“

„Für einen Kuß verlangst du mir
sogar mein ewig Leben?
Wie lieb du mir, beweise dir,
daß ich auch das will geben!

Ich will, als sündig Kind der Zeit,
entstehen und verschwinden;
noch bindet mich die Ewigkeit,
doch soll sie mich entbinden!“

Und er verschwand und wandert weit,
riß sich vom Himmel droben;
aus heißer Lieb‘ zu einer Maid
war er im All zerstoben.
_

Was macht indessen Catalin,
der lose Edelknabe?
Zum Becherfüllen braucht man ihn,
daß er die Gäste labe.

Die Schleppe muß er, Schritt für Schritt,
der Kaiserin auch tragen;
er galt als kleiner Favorit
und durfte Keckes wagen.

Auf seinen Wangen lag die Gluth
von dunkelrothen Rosen;
dem Fürstenkinde ist er gut,
möcht‘ heimlich mit ihr kosen.

„Wie schön naht sie und stolz heran,
an’s Kreuz könnt‘ man mich schlagen!“
Denkt Catalin „Jetzt mach‘ dich d’ran
jetzt mußt dein Glück du wagen!“

Und wie von ungefähr umfängt
er heimlich sie mit Lachen.
„Hör‘, Catalin! Was er wohl denkt!
Geh‘ er zu seinen Sachen!“

„Ich denk‘ ja nichts, als daß du lieb,
doch darfst nicht traurig scheinen,
so lach‘ doch lieber schnell und gieb
mir einen Kuß, nur einen!“

„Ich weiß nicht mal, was das mag sein,
geh‘ er mir aus dem Wege!
Nach meinem Abendstern ich wein‘
und Todessehnen hege.“

„Du weißt’s nicht? Gern zerleg‘ ich dir
der Liebe süße Pille,
nur bitte – sei nicht bös mit mir,
und halt ein Weilchen stille.

Laß deine Augen unbewegt
in meine Augen sehen,
wenn ich um dich den Arm gelegt,
so stell‘ dich auf die Zehen.

Wenn ich mein Antlitz neig‘ zu dir
erheb‘ das deine, tausche
die Blicke endlos aus mit mir,
daß ich mich ganz berausche.

Und endlich, daß du Alles weißt,
was Mädchen wissen müssen:
wenn ich dich herz‘ und küsse, dreist
mußt du mich wieder küssen.“

Sie hat nicht immer aufgepaßt,
zerstreut nur, aus Versehen,
erröthet, unwillig wird fast, –
und läßt es doch geschehen.

„Von Kindheit an, da kannt‘ ich dich,“
sprach sacht sie und gelassen,
„So plauderhaft, so nichts wie ich,
du würd’st wohl zu mir passen;

Doch kommt der holde Abendstern
aus des Vergessens Leere,
und zeigt in unbegrenzter Fern‘
die Einsamkeit der Meere.

Dann schließ‘ die Augen ich vor dir,
und Thränen wein‘ ich leise,
wenn der Gewässer Wogen zieh’n
ihm zu auf ew’ger Reise.

Und traurig dringt sein Strahl hierher,
aus jenen fernen Gleisen,
ich lieb auf ewig ihn, – doch er
wird ewig fern mir kreisen.

Nun sind die Lebenstage mein
verödet wie die Wüste,
indeß mit heil’gem Zauberschein
die Nächte er versüßte.“

„Du bist ein Kind, das sag‘ ich dir,
ich weiß schon, was dich heilte:
komm in die weite Welt mit mir,
wo Niemand uns ereilte.

Wir wollen wandern wohlbewußt
und muthig ohn‘ Verzagen;
das Heimweh giebt sich und die Lust,
den Sternen nachzujagen.“
_

Der Stern eilt seinen Himmelssteg,
beflügelt durch die Gluthen,
und Tausender von Jahren Weg
durchzieht er in Minuten.

Und unter, über ihm, da sind
nur Himmel, sternbeschienen;
dem Blitz gleich eilt er, so geschwind
und so verirrt zu ihnen.

Und rings um ihn, dumpf dröhnt der Schlag
der großen Chaos-Wellen;
er sah, wie an dem Schöpfungstag,
des Lichtes erste Quellen!

Wie’s quoll und quoll und ihn umgab,
als ob im Licht er bade;
er eilt, als wär‘ das All ein Grab,
nur frei der Sehnsucht Pfade.

Nicht Grenzen gab’s, wohin er drang,
kein Auge zum Erkennen,
die Zeit selbst noch vergeblich rang
vom Nichts sich abzutrennen.

Doch gierig auf ihn schlürfen will
dies Nichts, den Stern im Schwinden.
an Tiefe gleicht’s und Grabesstill‘
Vergessenheit, der blinden.

„Vom Dunkel schwerer Ewigkeit,
mein Vater, mich erlöse,
du sollst gelobt sein jeder Zeit
von Allen, Gut‘ und Böse.

O Herr, erbarm‘ dich meiner Noth,
in deiner Sonnenhelle,
du bist Gebieter über Tod,
wie du des Lebens Quelle.

Nimm die Unsterblichkeit von mir!
Die Gluth im Blick zerstiebe!
Und gieb statt alles dessen mir
nur eine Stunde Liebe!

Das Chaos, das mich einst gebar,
sich wieder auf mir thue,
die Ruhe meine Mutter war,
ich dürste nach der Ruhe!“

„Du, Hyperion, leuchtest hehr
seit Anbeginn der Zeiten,
nicht Zeichen, Wunder mir begehr‘,
die Allem widerstreiten.

Du willst hinab in’s Erdenrund,
den Menschen willst du gleichen?
Doch, ging‘ ihr ganz Geschlecht zu Grund,
gezeugt wird ihres Gleichen.

Auf Sand gebaut ist all‘ ihr Thun,
und Hirngespinnst ihr Streben –
die Wogen nicht an Gräbern ruhn,
sie wogen neu und leben.

Die Menschen ihres Glückes Stern
und Schicksalstücke erben –
wir kennen weder Nah noch Fern
und wissen nichts vom Sterben.

Aus ew’gen Gesterns großem Schooß
lebt heut‘, was morgen schwindet:
wie anders ist der Sonnen Loos,
die jede neu sich findet!

Du, Hyperion, bleibest dort,
so oft du auch verblichen;
verlang‘ von mir mein erstes Wort,
die Weisheit, die entwichen.

Verlang, daß Thaten überall
auf Recht sich stark begründen;
ich gebe dir den Erdenball:
theil‘ ihn in lauter Pfründen.

Mastbaum an Mastbaum geb‘ ich dir,
Legionen sollst du leiten,
was du sonst willst – doch weigr‘ ich dir
den Tod auf alle Zeiten!

Und wem zu Liebe willst du ihn?
Die Strahlen erdwärts schicke,
und sieh den irren Weltball ziehn,
was deiner harrt, erblicke!“

Auf seinen hohen Himmelshort
ist heimgekehrt er wieder,
und ganz wie gestern strahlt von dort
der bleiche Stern hernieder.

Denn langsam senkt der Abend sich,
die Nacht will aus sich breiten;
der Mond will eben jugendlich
der Wasserfluth entgleiten.

Schon füllt er mit dem Strahlenglanz
die zweigverschlungnen Pfade,
den Lindengang im Blüthenkranz,
worin ein Pärchen gerade.

„O, laß mein Haupt, du süßes Lieb,
an deine Brust sich legen,
aus deinen klaren Augen gieb
mir einen Strahlensegen.

Mit jenes Lichtes Zauberbann
durchdringe all‘ mein Denken,
du kannst die Himmelsruhe dann
in’s wilde Herz mir lenken.“

Von oben Hyperion sieht,
die Augen hold verlangen,
und wie er vor ihr nieder kniet,
da hält sie ihn umfangen.

Ein Regen, duftiges Geflock,
wie von den Silberweiden,
fällt auf der Scheitel blond Gelock
den jungen Kindern beiden.

Von Lieb‘ berauscht, empor sie schickt
aus thränenfeuchter Lider
zum Abendstern, den sie erblickt,
des Sehnens Fülle wieder:

„O gleit‘ herab, mein Abendstern,
auf deines Strahles Weben,
erfüll‘ den Wald, mein Denken fern,
erleucht‘ mein glücklich Leben.“

Er zittert wohl, wie einmal schon,
hin über Wald und Wogen,
doch einsam ist der Meeressohn
als Leuchtstern fortgezogen.

Und nie verläßt er sein Gefild,
er bleibt der Sphären Wandrer:
„Was macht es dir, du Lehmgebild,
ob ich’s bin, ob ein Andrer?

In eures Kreises engem Saum
ist Glück und Tod euch erblich,
ich bleib‘ in meinem Himmelsraum
so kalt, wie ich unsterblich.“

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die leisen Momente

Griechisch Katholische Kirche (Kleinschelken)

Hintergrund zu diesem Text: – Manche von euch wissen, dass ich in Kleinschelken (Siebenbürgen) geboren bin, das ich in meiner späten Kindheit verließ. Anfangs besuchte ich einige Jahre immer wieder meine Großeltern, die noch in meinem Geburtshaus lebten. Doch mittlerweile war ich seit 29 Jahren nicht mehr da, meine Großeltern leben nicht mehr, das Haus wurde abgerissen – auf dem Hof entstand eine Kirche. Hierüber bin ich eigentlich sehr, sehr froh, denn so muss das Haus nicht natürlich verfallen und in der Kirche haben ganz liebe Menschen ein neues Zuhause gefunden. … mir sehr nahe stehende Menschen waren diesen Sommer in Kleinschelken und besuchten einen Gottesdienst. Sie sagten mir, es sei einer der schönsten überhaupt gewesen, den sie je erlebt hätten. … und irgendwie ein Abschied …

die leisen Momente

es sind
die leisen Momente
und still
sind die Bilder

wenn
aus der Ferne, die Zeit
durch meine Gedanken zieht

und ich male ein Haus
aus Erinnerung
immer und immer wieder

und Menschen
die es längst nicht mehr gibt

und manchmal
nehme ich Abschied
und Großvater winkt
mir vom Kirchturm zu

und streichelt
den Glockenschlag
als würde er sagen:
„Ich gehe mit Dir.“

 

Morgengespräch

Mogengespräch

.

… und morgens sprach
der Tag zum Traume:

„Sag Traum,
was hat die Nacht,
dass Dir im Dunkeln
Deine Farben strahlen.

… wo Du,
doch in Wahrheit, nur
ein Trugbild ohne Sinn
und ohne Zukunft bist.“

„ Oh Tag,
Du kennst die Wahrheit?“,

sprach der Traum,

„Du siehst
im Lichte Deine Farben.
… doch Sinn
und Zukunft haben
oft zu wenig Raum.“