Theobald Nöthig – Mit dem Volke

Ich habe keine hohen Ahnen,
Mein Vaterhaus ist kein Palast,
Mein Fuß schritt nie auf Rosenbahnen,
Das Glück war selten bei mir Gast.
Ich stamme nur aus nied‘rer Hütte
Und nied‘rer Abkunft war mein Ahn,
Drum bin ich treu der alten Sitte
Und bleib dem Volke zugetan.

Ich ringe nicht nach hohen Ehren,
Ich singe nicht um lauten Ruhm;
Es scheint mir leicht, sie zu entbehren,
Wenn ich des Volkes Eigentum.
Hat nur mein Lied zu treuen Herzen
Erschlossen eine freie Bahn,
Will lächelnd ich die Gunst verschmerzen:
Ich bleib dem Volke zugetan.

Wohl gräbt man Gold aus Felsenquadern
Und wäscht es aus der Flüsse Sand,
Doch liegen seine blanken Adern
Niemals im fetten Gartenland,
Lasst euch die Mühe nicht verdrießen,
Ihr Herrn, und haltet fest den Plan,
Goldhalt‘ge Schichten zu erschließen,
Bleibt eurem Volke zugetan!

Fürwahr, es schlägt in schlichter Jacke
Manch Herz, das eines Fürsten wert,
Es schwingt manch rauhe Hand die Hacke,
Die würdig für ein Ritterschwert,
Und mancher, den in Friedhofsecke
Begrub ein blinder Priesterwahn,
Verdient, dass Lorbeer ihn bedecke:
Ich bleib dem Volke zugetan.

In seinen Reihen will ich ringen
Um eine neue, bessre Zeit;
Doch nicht mit scharfen blut‘gen Klingen,
Nein, geistig kämpfen heil‘gen Streit,
Bis wonneschauernd meine Hände
Die Friedenssäule fest umfahn.
Ich bleibe treu bis an mein Ende
Dem deutschen Volke zugetan.

Theobald Nöthig

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Karl Frohme – Spielende Kinder

Muntrer Knabe, lieblich Mädchen,
windet fertig nur den Kranz,
nehmt dazu die schönsten Blumen,
reich an Duft und Farbenglanz!

Seht hier, Rosen und Narzissen,
Veilchen, Hyazinthen blühn!
Prächtig müssen sie sich heben
auf dem dunklen Immergrün.

Knabe, zügle deinen Eifer,
die Gespielin zürnet dir,
werk doch, wie sie freundlich bittet:
„Pflück du nur die Blumen mir!“

Recht so, Mädchen! Deines Knaben
ungeschickte, rauhe Hand
preßt zu hart die armen Blumen,
zerret hin und her am Band.

Dir der Flora zarte Kinder
deine Hand lenkt frömmrer Sinn,
muß ich denken doch, es lebte
Elfenzauberkunst darin!

Deiner goldnen Locken Fülle
eint sich prächtig solch ein Kranz;
Knabe, stehe, die Gefährtin
schmückt sich dir zum muntren Tanz.

Anschuldslächeln in den Augen,
engumschlossen Brust an Brust,
schwebt das traute Paar im Reigen
leicht dahin voll stiller Lust.

Kinderunschuld, Kinderfreuden!
Dieser holde Lebensmai,
könnte er doch ewig währen —
ach, so schnell ist er vorbei!

Hab auch einst mich so getummelt
in des Blumenhages Baum,
auf den Fluren, in den Wäldern,
ach, es war ein schöner Traum!

Lieblich Mädchen, muntrer Knabe,
fahret fort mit Sang und Tanz,
freut euch, bis die Blumen welken
und zerrissen liegt der Kranz

gespaltene blicke

wo wirst du sein
wenn all‘ die fragen
aus der dunkelheit entspringen
und aus den gräbern
keine antwort wiederhallt

der herbstwind treibt
vergänglichkeit in all‘ die jahre
nichts kehrt zurück
was je gestohlen war

hinterm spiegel stehe ich
und kitte seine farben
doch gläsern sind die risse
spalten jeden blick