Gustav Falke

Abendlied

Hat der junge Geigenmacher
mit dem Tagwerk aufgeräumt,
sitzt er gern, ein seligwacher,
auf der Lindenbank und träumt.

Auf der schönsten seiner Geigen
träumt er einen Herzenstraum,
Vollmond steigt und Sterne steigen,
silbern steht der Blütenbaum.

Wie die weichen Töne singen,
wird es stiller, als es war,
und die Gartenlilien bringen
alle ihre Düfte dar.

Nicht ein Hauch aus Wälderfernen,
nicht ein Laut fällt störend ein,
über Blumen, unter Sternen,
klingt das süße Lied allein.

Das Leben lebt

Ich höre einer Flöte süßen Klang
von irgendwo aus offnem Fenster her.
Sie singt von Frieden einen Sommersang,
von reifen Blumen und von Früchten schwer,
von frohen Herzen, seligem Genuß,
Umarmung, Freundschaft, Leidenschaft und Kuß.

Schweig, Flöte, schweig, dies ist nicht Friedenszeit.
Die Welt zerfleischt sich, Ströme Blutes fließen.
Die ganze Erde flammt, ein Grauses schreit
und schreit und schreit, es hilft kein Ohrenschließen.
So schreit Entsetzen rings. Du aber singst,
als ob du unter heitern Sternen gingst.

Von irgendwo klingt diese Flöte her,
singt unbekümmert ihren süßen Sang.
Das Herz, von ungeweinten Tränen schwer,
wehrt doch umsonst dem holden Schmeichelklang.
Der Flöte zürnen? Ach, ich kann es nicht.
Sie singt so süß, und Hören wird zur Pflicht.

So singe, Flöte, singe, unbewegt
von Not und Tod und allem Graus der Zeit.
Du singst das Leben, und wie Sonne legt
dein süßes Lied sich auf die Traurigkeit
der Seele, daß sie leis die Flügel hebt:
Getrost, was weinst du noch? Das Leben lebt.

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2 Kommentare zu „Gustav Falke“

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