ein auszug

Ingo Tor

Sucht man nach einer Möglichkeit, wieder zu sich selbst zu finden, hat man den Prozess, überhaupt erkannt zu haben, dass man so Einiges nicht im Griff hat, hinter sich.
Wahrscheinlich wird man es jedoch nicht schaffen, sich da alleine „durchzulotsen“.
Sicher gibt es vielleicht diese nicht unerhebliche Schwelle, die man sich nicht traut zu überwinden, um sich Hilfe zu holen.
Doch lässt man die Schwelle hinter sich, hat man vielleicht das Glück, den passenden psychologischen Beistand zu finden. Dies ist oft nicht einfach – mag sein, dass man dafür mehrere Anläufe braucht. So, wie es in „normalen“ zwischenmenschlichen Bezieh-ungen manchmal unmöglich ist, einen gemeinsamen Faden zu finden, kann auch eine Zusammenarbeit mit dem Therapeuten eventuell nicht möglich sein. Aber, man hat immer die Möglichkeit, sich einen anderen zu suchen – auch wenn man wahrscheinlich kurzfristig nicht so leicht einen Termin kriegen wird.
Auch sollte man in Erwägung ziehen, vielleicht in eine Klinik oder in eine Tagesklinik zu gehen.
Nicht nur die Schulungen und die Therapien durch die meist wun-derbaren Mitarbeiter dieser Einrichtungen sind es, die einem das Gefühl wiederbringen, „wieder so wie früher“ zu werden.
Auch der Austausch mit den Mitpatienten kann hierfür eine wesentliche Hilfe sein.
Hat jeder doch ein Päckchen, welches er mit sich herumschleppt – diese Päckchen sind in der Klinik ein wesentliches gemeinsames Merkmal – und meist tut es gut, wenn der Eine oder Andere (oder man selbst) es öffnen kann.

Für immer wird mir Ingo Tor in Erinnerung bleiben.
Ingo hatte seinen eigenen Rhythmus. Er kam und ging wie es ihm selbst beliebte – überhaupt hatte man den Eindruck, er mache sein eigenes Ding.
Beruflich war Ingo Leiter der Versicherungsabteilung eines der größten Geldinstitute des Kreises. Er war es von Haus aus gewohnt, den Ton anzugeben, oder, die Aufmerksamkeit aller anderen Anwesenden auf sich zu lenken.
Kaum in der Tagesklinik angekommen, war er sehr laut, sprach sehr viel und ging damit den meisten anderen Patienten riesig
auf den Keks. Er machte kein Geheimnis daraus, dass er viel Geld besaß und scheinbar sehr gut situiert war.
Manchen Mitpatienten machte er Geschenke, brachte ihnen Smartphones, ein Kleid aus der Boutique – oder einfach ganze Tabletts voller köstlichster Tortenstücke aus der besten Konditorei der Stadt.
Er nahm oft die Gitarre und sang. Dabei machte er, meist Songs von Bob Dylan regelrecht zu seinen eigenen.
Er sang sie, als hätte er das gesungene gerade selbst erlebt, mit viel Gefühl – und doch immer sehr laut.
Wer damit nicht umgehen konnte, flüchtete raus auf die Dachterrasse. Nur die wenigsten blieben und hörten ihm gerne zu.
Vielleicht wäre dies unter anderen Umständen anders gewesen – es war einfach toll, was Ingo aus den Liedern machte.
Eines Tages kündigte Ingo an, er wäre die kommenden zwei Tage nicht da – er müsse ins Krankenhaus.
Der Eine oder Andere mag sich darüber gefreut haben, schließlich würde es zwei Tage lang ruhiger sein.

Am dritten Tag kam Ingo wieder.
… und er war pünktlich.
Er nahm wieder die Gitarre und sang.
Es war ein spanischer Titel – wahrscheinlich war auch hier nichts Originales vom Lied übrig.
Es war eine Freude ihm zuzuhören. Wer in solchen Momenten Berührungstränen vergießen kann, tat dies jetzt.
Nach dem Lied, war es eine Weile sehr still im Raum. Auch Ingo schwieg und er schien völlig in sich gekehrt zu sein.
… und dann sagte er mit ruhiger Stimme, dass er seinen Hautkrebs besiegt habe – dies in den letzten zwei Tagen erfahren habe.
In der Klinik hörte man ihn danach nie wieder singen – und er war sehr viel leiser geworden …
… war einer unter allen.

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Frühjahr-Garten-Projekt

Die beiden erwarb ich, vor einigen Monaten während der Schließung einer Filiale einer Bekleidungskette, ziemlich günstig. Bis zum Frühjahr will ich sie noch künstlerisch bearbeiten und in den Garten stellen. Bin selbst schon gespannt, was daraus wird.

Hermann Klöß – ein siebenbürgischer Dichter

Brunnen im Schnee

Um unsern alten Brunnen hat
der Frost sein stählern Kleid geschlagen;
im kühlen Panzer klirrt das Rad.
Und hundert eisige Speere bricht
mein Arm, die in den Speichen ragen;
der schwere Eimer löst sich nicht.

Im Sommer – wie die Kette flog,
da jeden Abend du der Herre
hier Wasser schöpftest in den Trog:

Den jungen Busen übern Schacht
Gedrängt mit froher Glücksgebärde,
Wie Sonne grüß in dunkle Nacht.

Verhüllter Pfad

Am Dorfesrand, auf frischbeschneitem Feld,
Entdeckt’ ich deine Spur. Ich beugte tief
Mich nieder, küßte stumm das liebe Zeichen.
Und wie ich weiter pilgre in den bleichen,
Vergehnden Tag, – die Abendglocke rief
Zur Ruh’ die müde Winterwelt –,
Berührten Flocken, keusch und silberzart
Wie deine Seele, Augen mir und Wangen.
Es kam die graue Nacht, und leise ward
Der schmale Pfad verhüllt, den du gegangen. 

aufräumen – I

Zur Zeit räume ich so einiges auf. Dabei hatte ich in meinem Atelier heute Dinge in den Händen, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass es sie überhaupt gibt. … so wie den Zeitungsartikel vom 26. Februar 1990.  Das Foto davon zeigt uns auf einer Demo gegen den Bau der zweiten Sondermüllverbrennungsanlage von Baden-Württemberg in einem Teilort meiner Wahlheimat. Wir konnten den Bau verhindern – mehr noch, wir konnten das Umweltbewusstsein der Bevölkerung aus der ganzen Region wachrütteln. Ich stelle mir heute jedoch die Frage, ob es uns gelingen wird, das Zumüllen unserer Meere mit Kunststoff zu stoppen.