von Geschöpfen

Mathildchen ist erst gut anderthalb Jahre jung und ich habe die Möglichkeit eine Kindheit zu erleben, die ich so selbst nicht hatte.
Diese bedingungslose Liebe die uns verbindet, lässt mich die Welt durch ihre Augen sehen, ihre Gedanken fühlen – und ich spüre dieses unvergleichliche Vertrauen, das sie in mich setzt – in ihrem Lachen, ihrem Weinen, ihrem Spielen – in all‘ ihrem Tun.

Und jetzt, wo im Garten die Erdbeeren, die Stachelbeeren, die Himbeeren, die Heidelbeeren, die Kirschen reifen, ich sie im selbstgebauten Bollerwagen durch den Garten fahre, bei jedem Stopp an den Sträuchern und Bäumen ihr strahlendes, genüssliches Gesicht sehe, geht mir einfach das Herz auf.

Und ständig begleitet uns ein Rotschwänzchen – das sich sogar schon mal auf meinen Rücken setzte, während ich in gebeugter Haltung die Stachelbeeren goss.

Und Amseln huschen von Strauch zu Strauch – immer mit neugierigem Blick auf das, was im Garten passiert.

Mathilda versucht schon, mit den Vögelchen zu kommunizieren, übt an ersten Pfeiftönen, oder einfachem „piep-piep“.
Besonders der Gesang der Amseln hat es ihr angetan – allein das ist es schon wert, den Kirschbaum mit diesen zu teilen.

Doch mir selbst bleibt ein Bild in Gedanken, das mir beim Essen jeder Kirsche immer wieder in Erinnerung kommt.

Es ist nicht nur das Netz, das mein Vater jährlich über den Kirschbaum seines Gartens zog, sobald die Kirschen erste Röte ansetzten.

Einmal waren seine Kinder und seine vier Enkelkinder da, um ein paar Kirschen zu essen.
Man kam nicht an die Kirschen ran.

Und dann war da diese Amsel, die es irgendwie geschafft hatte, durch das Netz zu kommen – in dem sie sich aber in Panik verhedderte, als sie uns kommen sah.

Vater griff ohne Zögern nach ihr, wickelte sie nochmal ins Netz – und schlug sie schließlich zweimal gegen den Baumstamm.
Sicher war er es gewohnt, sein Leben lang ums Überleben zu kämpfen – dazu gehörte wahrscheinlich auch, eine Amsel als Schädling zu betrachten.

Doch ich selbst merke immer wieder, wie viel eine Amsel einem allein schon durch ihren Gesang geben kann.
Und wenn ich sehe, wie viel Freude mein eigenes Enkelkind an den wunderbaren Geschöpfen des Gartens hat, drückt es mir fast Tränen in die Augen.

… und ich bin mir sicher, dass Mathildchen der Anblick, den ihre Mama als Kind erlebte, erspart bleiben wird.

großvater

manchmal glaub‘ ich
du wohnst im winde
der sanft über kornblumen streift

in der melodie des waldes
die mich begleitet
wenn der tag in den morgen blüht

ich sehe dein land
in den wiesen, den gärten, den feldern
wenn ich die augen schließe

und dein grab unter rotem mohn
das nur noch
deinen namen trägt

und ich wünsche mir
eine kornblume zu sein
die in deinen flügeln ruht
und fliegt

weit durch die zeit

Im Vorübergehen

Manche Erlebnisse wiegen so schwer, dass sie die schönen Dinge, die es zweifelsohne auch gab, nach Jahrzehnten aus der Erinnerung gelöscht haben.
Was bleibt, ist ein festgeschnallter Rucksack voller Demütigungen, Schlägen, Lügen, Enttäuschungen – und schließlich eine Aufbürdung von sogenannten Pflichten, deren Erfüllung nie eine Anerkennung finden und niemals mit einer Geste des Dankes beachtet werden, oder zumindest den Anschein von Zufriedenheit erkennen lassen.
Und man merkt, wie einem selbst die Zeit davonläuft – unhaltbar und ohne Wiederkehr.
Und man kann nichts dagegen tun.
Und dann immer noch – und immer wieder diese Dejavues in dem Gefühl ausgenutzt, angelogen und verarscht zu werden.
Man wird krank – dies ohne, dass es die Verursacher aus ihrer Egowelt heraus überhaupt merken.
Ab und zu blickt man jedoch fragend und müde in den Spiegel.
… und man sieht auf, steift das Rückgrat und weiß, dass man sich selbst begegnen kann.