Gefallener Kirschbaum

Es macht schon etwas wehmütig, wenn man einen Baum, den man vor 27 Jahren pflanzte, ausgräbt.
… ausgraben muss.

Hab damals aber den Fehler gemacht, den Kirschbaum mit Hoch-Stamm zu kaufen.
Bald stellte sich heraus, dass wir an die schönsten und leckersten Kirschen nicht ran kamen.
Darauf habe ich jahrelang versucht, sein Wachstum nach oben hin einzuschränken.
… leider zu spät, denn die Äste waren schon zu kräftig und das Abschneiden hat dem Baum überhaupt nicht mehr gefallen.
Auch versuchte ich der enormen Höhe wegen, die Äste nur noch waagerecht oder fallend zu halten.
Das wiederum setzte diese im Sommer zu arg der brennenden Sonne aus. Es war diesen Sommer so schlimm, dass die Rinde der Oberseite aufplatzte und sich völlig löste.

Gut, dass ich es vor Jahren schon zumindest wusste, dass ich den Baum irgendwann weg machen müsste – weshalb ich vorsorglich schon mal einen anderen pflanzte, der dieses Jahr schon recht ordentlich Kirschen trug.

Nach zweitägigem Kampf liegt der alte Baum nun da.
Was ich daraus machen werde weiß ich noch nicht.
Nicht nur, dass er einen beachtlichen 2,5 Meter langen, geraden und fast 40 Zentimeter dicken Stamm hat – die beachtlichen Wurzeln, die ich im Durchmesser von etwa zwei Metern ringsherum absägte, gefallen mir schier noch besser, zumal diese ziemlich genau um 90 Grad vom Stamm abstehen.

Vielleicht fällt mir ja im Winter etwas ein, was ich aus dem Ding machen könnte.

Oder hätte sonst jemand eine Idee?
Über Vorschläge würde ich mich sehr freuen.

August Stramm

Freudenhaus

Lichte dirnen aus den Fenstern
die Seuche
spreitet an der Tür
und bietet Weiberstöhnen aus!
Frauenseelen schämen grelle Lache!
Mutterschöße gähnen Kindestod!
Ungeborenes
geistet
dünstelnd
durch die Räume!
Scheu
im Winkel
schamzerpört
verkriecht sich
das Geschlecht!

Mondschein

Bleich und müde
Schmieg und weich
Kater duften
Blüten graunen
Wasser schlecken
Winde schluchzen
Schein entblößt die zitzen Brüste
Fühlen stöhnt in meine Hand.

Spiel

Deine Finger perlen
Und
Kollern Stoßen Necken Schmeicheln
Quälen Sinnen Schläfern Beben
Wogen um mich.
Die Kette reißt!
Dein Körper wächst empor!
Durch Lampenschimmer sinken deine Augen
Und schlurfen mich
Und
Schlürfen schlürfen
Dämmern
Brausen!
Die Wände tauchen!
Raum!
Nur
Du!

Verhalten

Meine Augen schwingen in deinen Brüsten
Dein Haupt beugt glutrot weichen Schatten
Drauf!
Der Atem schämigt hemmend
Das Gewoge.
Mich krallt die Gier
Und herbe Dünste bluten
In seinen Ketten
Rüttelt
Der Verstand.
Fein
Knifft die Scheu die Lippen lächelnd
Kälter!
Mein Arm nur
Faßt
Im Schwung
Dich
Heißer heiß!

Wunder

Du steht! Du steht!
Und ich
Und ich
Ich winge
Raumlos zeitlos wäglos
Du steht! Du steht!
Und
Rasen bäret mich
Ich
Bär mich selber!
Du!
Du!
Du bannt die Zeit
Du bogt der Kreis
Du seelt der Geist
Du blickt der Blick
Du
Kreist die Welt
Die Welt
Die Welt!
Ich
Kreis das All!
Und du
Und du
Du
Stehst
Das
Wunder!

 

Erinnerung

Welten schweigen aus mir raus
Welten Welten
Schwarz und fahl und licht!
Licht im Licht!
Glühen Flackern Lodern
Weben Schweben Leben
Nahen Schreiten
Schreiten
All die weh verklungenen Wünsche
All die harb zerrungenen Tränen
All die barsch verlachten Ängste
All die kalt erstickten Gluten
Durch den Siedstrom meines Blutes
Durch das Brennen meiner Sehnen
Durch die Lohe der Gedanken
Stürmen stürmen
Bogen bahnen
Regen wegen
Dir
Den Weg
Den Weg
Den Weg
Zu mir!
Dir
Den Weg
Den ichumbrausten
Dir
Den Weg
Den duumträumten
Dir
Den Weg
Den flammzerrissenen
Dir
Den Weg
Den unbegangenen
Nie
Gefundenen Weg
Zu
Mir!

August Stramm

Jesuitendebatte

Der Fuchs stand vor dem Hühnerstalle
und merkte in der Winternacht,
die Einschlupflöcher waren alle
just seinetwegen zugemacht.

Da fing er jämmerlich zu klagen
und bitterlich zu weinen an:
Warum wollt ihr nur mich verjagen,
der euch doch nie ein Leids getan?

Ihr guten Hühner, hört die Bitte!
Ihr seid so viele, ich allein, —
der kleinste Platz in eurer Mitte
genügt, und ich will glücklich sein!

Das Federvieh hat lang beraten
und manches wohlerfahrne Huhn
vermeinte, was sie früher taten,
das würden Füchse immer tun.

Doch gab es viele ganz Gerechte,
die waren aus Prinzip dafür,
daß keinem aus dem Tiergeschlechte
verschlossen bleibe ihre Tür.

Kaum war die weise Tat geschehen,
war von dem ganzen Hühnerhof
nichts mehr als das Prinzip zu sehen
und Krallen und ein Federschwof.

Ludwig Thoma, 1913

Tatort

Also ich muss zugeben – ich gehöre nicht zu den regelmäßigen Tatort-Guckern. Auch kann ich nicht verstehen, warum von einer derartigen Unterhaltung immer so positiv gesprochen wird.
Heute …
Oh nein! Reden wir lieber nicht darüber.
Aber die Frage muss doch gestellt werden:
Was bitte in aller Herrgottsnamen war DAS denn?
Dafür sollte man wirklich das Fernsehen abschaffen.
… pure Sonntagabendzeitverschwendung.

Die Ruhestörerin

Mein süßes Kind,
wie ich dich liebe, frägst du oft,
doch wie du meine Ruhe störst,
das höre jetzt: mein süßes Kind.
Wenn ich mein Aug zur heil’gen Jungfrau wende,
in frommer Andacht zu ihr wenden will,
so trägt die Heil’ge, die sich mir enthüllt,
dein blaues Aug, dein hold Gesicht,
dein glänzend Haar und deines Mundes Liebe,
mein süßes Kind.
Will ich Gebete sprechen, eh der Schlaf mich faßt,
so ist’s dein letzter Gruß,
den meine Lippen lallen;
und Andacht und Gebet ist hin;
denn mächt’ger als die Andacht ist die Liebe,
und mächt’ger als die Heilige bist du.
Dich denk ich nur, und dich nur bet ich an.
So steht’s mit mir, und das hast du getan,
du böses Kind!

Theodor Storm