Ich war ein Kind

Ich war ein Kind und träumte viel…
und hatte noch nicht Mai;
da trug ein Mann sein Seitenspiel
an unserm Hof vorbei.
Da hab ich bange aufgeschaut:
„O Mutter, lass mich frei…“
Bei seiner Laute erstem Laut
brach etwas mir entzwei.

Ich wusste, eh sein Sang begann:
Es wird mein Leben sein.
Sing nicht, sing nicht, du fremder Mann:
Es wird mein Leben sein.
Du singst mein Glück und meine Müh,
mein Lied singst du und dann:
mein Schicksal singst du viel zu früh,
so dass ich, wie ich blüh und blüh, –
es nie mehr leben kann.

Er sang. Und dann verklang sein Schritt, –
er musste weiterziehn;
und sang mein Leid, das ich nie litt,
und sang mein Glück, das mir entglitt,
und nahm mich mit und nahm mich mit –
und keiner weiß wohin…

Rainer Maria Rilke

Die tote Lerche

Ich stand an deines Landes Grenzen,
an deinem grünen Saatenwald,
und auf des ersten Strahles Glänzen
ist dein Gesang herabgewallt.
Der Sonne schwirrtest du entgegen,
wie eine Mücke nach dem Licht;
dein Lied war wie ein Blütenregen,
dein Flügelschlag wie ein Gedicht.

Da war es mir, als müsse ringen
ich selber nach dem jungen Tag,
als horch‘ ich meinem eignen Singen
und meinem eignen Flügelschlag;
die Sonne sprühte glühe Funken,
in Flammen brannte mein Gesicht;
ich selber taumelte wie trunken,
wie eine Mücke nach dem Licht.

Da plötzlich sank und sank es nieder,
gleich toter Kohle in die Saat,
noch zucken sah ich kleine Glieder
und bin erschrocken dann genaht;
dein letztes Lied, es war verklungen;
du lagst, ein armer kalter Rest,
am Strahl verflattert und versungen
bei deinem halbgebauten Nest.

Ich möchte Tränen um dich weinen,
wie sie das Weh vom Herzen drängt,
denn auch mein Leben wird verscheinen,
ich fühl’s, versungen und versengt;
dann du, mein Leib, ihr armen Reste,
dann nur ein Grab auf grüner Flur,
und nah nur, nah bei meinem Neste,
in meiner stillen Heimat

Annette von Droste-Hülshoff

Demokratie auf der Kippe

Die Karikatur ist in meiner heutigen Tageszeitung und ich denke sie passt, wie die Faust aufs Auge zu den Thüringer Zuständen.

Sicher haben die Bürger – meiner Meinung nach – das getan, was ihnen zusteht. Sie haben nach demokratischen Massstäben gewählt. Doch, das Abschneiden der Rechten und der Linken lässt vermuten, dass es eine reine Protestwahl war.

Ob es den Menschen in Deutschland nun wirklich so schlecht geht, dass man derart wählen muss, sei mal dahingestellt …

Es kann nur recht und billig sein, nochmals zur Urne zu bitten.

Doch, was die Enkel von Konrad Adenauer in Thüringen machen ist fur die Bürger nicht gerade vorbildlich. Dieses Verhalten wird das Ergebnis einer eventuellen Neuwahl nicht besser machen.

Es geht in erster Linie um das Wohl des Landes.

Also, liebe Parteifunktionäre und auch Ihr, liebe Thüringer:

Reisst euch gefälligst zusammen. Ansonsten habt ihr bald Zustände, wie ihr sie in der Geschichte schon mehrmals hattet!!!

 

Eduard Mörike – Nur zu!

Schön prangt im Silbertau die junge Rose,
den ihr der Morgen in den Busen rollte,
sie blüht, als ob sie nie verblühen wollte,
sie ahnet nichts vom letzten Blumenlose.

Der Adler strebt hinan ins Grenzenlose,
sein Auge trinkt sich voll von sprühndem Golde;
er ist der Tor nicht, dass er fragen sollte,
ob er das Haupt nicht an die Wölbung stosse.

Mag denn der Jugend Blume uns verbleichen,
noch glänzet sie und reizt unwiderstehlich;
wer will zu früh so süssem Trug entsagen?

Und Liebe, darf sie nicht dem Adler gleichen?
Doch fürchtet sie; auch fürchten ist ihr selig,
denn all ihr Glück, was ist’s? – ein endlos Wagen!

Mach’s gut Ingo!

Manchmal begegnet man Menschen, die man von Anfang an mag – oder auch nicht.
Ihre Art, in ihrem Umfeld in Erscheinung zu treten, ist manchmal nicht Jedermanns Sache – doch wenn man es schafft, hinter diese Menschen zu blicken, erkennt man oft, wie anfängliche Eindrücke täuschen können.
Oft steckt viel mehr dahinter, als ein Pegel von Lautstärke, oder der scheinbare Eindruck, er besitze die Möglichkeit, die ganze Welt kaufen zu können.
Ingo Roth war einer dieser Menschen.
… und ich lernte ihn in einem Umfeld kennen, in dem jeder versuchte seine Probleme in den Griff zu kriegen – was es wahrscheinlich nochmal etwas schwieriger machte, ein Anderssein zu verstehen, oder gar zu tolerieren.
Oft denke ich daran, wie Ingo die Gitarre nahm und Songs von Bob Dylan spielte und sang.
… und nicht nur das – er machte diese Songs zu seinen eigenen. Er lebte sie.
Ich habe noch nie sonst einen Menschen erlebt, der seine Gefühle so zum Ausdruck bringen konnte.
Selbst der ärztliche Befund seines Hautkrebses war darin auf die schmerzlichste Art zu hören.
Heute nun, lese ich die Tageszeitung – und allein für Ingo ist eine halbe Seite mit Todeesanzeigen drin.
Ich trauere um ihn.
Ich kannte ihn nur für kurze Zeit – doch ich bin sehr froh, dass ich diesem Menschen begegnen durfte.
Danke Ingo!
Ich wünsche Dir, es geht Dir gut!
… und ein letztes Mal ein Song von Bob Dylan:

Restless Farewell