Einen Augenblick

 

An diesem Tag gingen die beiden Kollegen pünktlich um 15 Uhr 45 heim.
Doch er wollte das Gerät noch fertig machen – was vielleicht eine halbe Stunde dauern würde. Zu Hause hätte er heute sowieso nichts vor.

Die Halle war ziemlich ruhig, da kaum noch jemand arbeitete.

Sein Arbeitsplatz lag am Ende des Ganges, der in die andere Halle führte. So konnte er sehen, wer rauf oder runter ging.

Kurz nach 16 Uhr kam Albert des Weges und bog am Zugang zu den Sozialräumen ab.
Und er sah auch, wie Albert nach zehn Minuten wieder zurückkam.
Sie winkten sich zu. Albert hatte seinen Motorraddress angezogen und ging über den gekommenen Weg Richtung Ausgang.

Nach weiteren zehn Minuten war er mit der Arbeit fertig, verschloss den Werkzeugwagen, fuhr den Rechner runter, ging Hände waschen, zog sich an und machte sich auf den Heimweg.

Im Auto dröhnte ein nerviges Lied aus dem Radio. Er schaltete ab – es wären sowieso nur sieben Kilometer bis nach Hause.

Als er an der Einmündung der Bahnhofstraße vorbeikam, stand da ein Auto quer in der Straße, ein paar Meter weiter lag ein Motorrad und unmittelbar daneben stand ein Rettungswagen.

Um niemanden zu behindern, fuhr er weiter.

Doch während der Fahrt dachte er an Albert – ob er wohl der Verunglückte sei.?
Die Gedanken rasten ihm durch den Kopf.

Ein Zuruf in der Arbeit hätte vielleicht eine kleine Verzögerung zur Folge gehabt – wenn auch nur den Bruchteil einer Sekunde. … einen Augenblick.
Es wäre dadurch wahrscheinlich nicht zum Unfall gekommen.

Am nächsten Tag – die Gewissheit.
Es war Albert – und er verstarb am Unfallort.

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„Einladung“ – Johanna Ambrosius

Meine lieben Leserinnen und Leser! Mit meiner Einstellung von Fallerslebens „Ausländerei“ sind Missverständnisse entstanden. Dies tut mir sehr, sehr Leid!
„Einladung“ von Johanna Ambrosius stelle ich heute ein, weil ich meinen scheinbar abweichenden Standpunkt nie selbst in schönere und bessere Worte fassen kann.

Johanna Ambrosius (1854-1939)

Einladung

Wie lange willst Du draußen stehen?
Komm‘ nur herein, Du lieber Gast,
Die Winde gar zu stürmisch wehen,
Komm‘, halt ein Weilchen bei mir Rast.
Vergebens gingst um Obdach bitten
Schon lange Du von Tür zu Tür,
Ich weiß, was Du dabei gelitten,
Komm‘, ruhe endlich aus bei mir!

Lass Dich getrost nur bei mir nieder,
In meine Hände leg‘ Dein Haupt,
Dann kommt gewiss der Frieden wieder,
Den Dir die böse Welt geraubt.
Dann steigt mit sanftem Flügelfächeln
Die Liebe aus des Herzens Grund,
Und zaubert Dein geliebtes Lächeln
Aufs neu‘ um Deinen ernsten Mund.

Komm‘, ruhe aus, ich will Dich halten,
So lang noch eine Ader schlägt,
Mein Herz wird nie für Dich erkalten,
Auf wenn man es zu Grabe trägt.
Du schaust mich an in zagem Sehnen,
Bleibst stumm ob der verheiß’nen Luft,
Und hast nur Tränen, nichts als Tränen,
Komm‘, wein‘ Dich aus an meiner Brust!

Johanna Ambrosius

blick ich zurück

dscn0737o.T.,  Acryl auf Leinwand, 100×70 cm

blick ich zurück

.

blick ich zurück
hör ich mein Herz
die Kindertrommel schlagen

ihr Takt
läuft meinen Schritten hinterher

am Wegrand
warten Erinnerungen
und sie winken

und rufen leise
bleib stehen
pflücke Blumen

 meine Füße
folgen mir nicht mehr

ich renne aus der Zeit
und fühle es ist meine
sie tickt

doch ihr Gewicht
zieht niemand wieder hoch

Hoffmann von Fallersleben

Ausländerei

 

Daß wir so das Fremde lieben!
Zu dem Fremden hingetrieben
sind wir selbst uns fremd geblieben –
Deutsch will keiner sein.
Nur von Auslands Gnaden sollen
wir bestehen wir Lebensvollen,
Selbst nichts tun und selbst nichts wollen?
Schlag der Teufel drein !

Sollen wir an uns verzagen?
Kein Gefühl im Herzen tragen,
nicht einmal zu sagen wagen,
daß wir etwas sind?
Stählt die Sinnen und Gemüter!
Seid die Schirmer, seid die Hüter
eurer eigenen deutschen Güter!
Werdet deutschgesinnt !

Was die Fremden Gutes machten,
laßt uns immer gern beachten,
aber nach dem Besten trachten
für das Vaterland!
Liebend alle Welt umfassen,
sich verachten, sich nur hassen,
kann‘ s der Deutsche niemals lassen? –
Armes Vaterland!

Hoffmann von Fallersleben, 1842

Gotthold Ephraim Lessing

Der größte Mann

 

Laßt uns den Priester Orgon fragen:
Wer ist der größte Mann?
Mit stolzen Mienen wird er sagen.
Wer sich zum kleinsten machen kann.

Laßt uns den Dichter Kriton hören:
Wer ist der größte Mann?
Er wird es uns in Versen schwören:
Wer ohne Mühe reimen kann.

Laßt uns den Hofmann Damis fragen:
Wer ist der größte Mann?
Er bückt sich lächelnd; das will sagen:
Wer lächeln und sich bücken kann.

Wollt ihr vom Philosophen wissen,
Wer ist der größte Mann?
Aus dunkeln Reden müßt ihr schließen:
Wer ihn verstehn und grübeln kann.

Was darf ich jeden Toren fragen:
Wer ist der größte Mann?
Ihr seht, die Toren alle sagen:
Wer mir am nächsten kommen kann.

Wollt ihr den klügsten Toren fragen:
Wer ist der größte Mann?
So fraget mich; ich will euch sagen:
Wer trunken sie verlachen kann.

MICHAEL HERMANN ……………………………………………… Bitte beachten. Bei allen nicht anders gekennzeichneten Texten und Bildern liegen die Rechte bei mir. Auch bitte ich darum, JEDES Rebloggen zu unterlassen! …………. Im Allgemeinen gilt: – FREIE MEINUNGSÄUßERUNG. Jedoch, bin ich der Hausherr dieses Blogs und mache gegebenenfalls von meinem Hausherrenrecht Gebrauch.